Kreis Kleve: Ein Professor hält Balance
VON MATTHIAS GRASS - zuletzt aktualisiert: 23.12.2011Kreis Kleve (RP). Die Hochschule Rhein-Waal wächst weiter. Präsidentin Marie-Louise Klotz baut auch die Lehre und Forschung aus. Die RP stellt in einer Reihe die "Neuen" vor: Professor Dr. Dirk Nissing ist der Professor für Regelungstechnik.
Dirk Nissing balanciert den dicken Edding-Filzschreiber – schwarz, nicht permanent – auf dem ausgestreckten Finger. Doch schnell liegt der Edding unten. Klappt nicht. Nissing ist eben kein Akrobat, sondern Professor für Regelungstechnik an der Hochschule Rhein-Waal (HRW). Er kann zwar nicht balancieren – aber als Regelungstechniker kann er eine Maschine entwickeln, die den Stift prächtig oben halten kann.
"Die Maschine und die dazugehörende Steuerung, die den Filzschreiber balanciert, ist Stoff fürs vierte Semester", sagt Nissing. Denn an diesem Beispiel kann man einprägsam erklären, was Regelungstechnik ist. Die Studenten regeln dazu einen Schlitten, der auf einem "Arm" sogar noch einen weiteren Schreiber länger in der Luft halten kann, als der beste Balance-Akrobat. Ein Experiment, bei dem die künftigen Maschinenbauer erkennen, wie sich Mathematik in Steuerung und Software in Technik verwandelt. Denn die "Handlung" der Maschine will exakt berechnet sein. Vorher.
"Bevor die Studenten so etwas umsetzen, müssen sie das durchgerechnet haben", sagt der Professor. Sie müssen wissen, welche Wege der Schlitten auf der Werkbank zurücklegen kann, wie der Arm bei welchen Kipp-Bewegungen gegensteuert, welche Kräfte wirken. Die Prozesse sollen simuliert werden. Das sind Grundlagen.
Später geht es in die Realität, ins tägliche Leben: "Regelungstechnik finden wir beispielsweise im Automobilbau: etwa die Spurhaltesysteme in Kraftfahrzeugen, die elektrische Lenkung. All das kann ein Regelungstechniker entwickeln. Heute haben schon 50 Prozent der Fahrzeuge eine elektrische Lenkung, gerade auch bei den günstigeren, kleineren Fahrzeugen", sagt der Professor. Nissing weiß, wovon er redet. Der gebürtige Klever war bei TRW Automotive in Düsseldorf als Abteilungsleiter verantwortlich für Funktionsentwicklung elektrischer Lenkungen und arbeitete mit einem Team aus britischen, US-amerikanischen und deutschen Forschern. "Deshalb weiß ich auch, wie wichtig es ist, Englisch sprechen zu können", sagt er mit Blick auf die englischsprachigen Studiengänge. An der neuen Hochschule reizt ihn der Aufbau, weil alles neu ist. Damit könne die neue Hochschule in den kommenden Jahren wachsen und sich etablieren –gepaart mit guter Lehre, der Nähe zur Praxis und den Kontakten zu den Unternehmen.
Bevor der HRW-Professor für Regelungstechnik in Duisburg Maschinenbau studierte und promovierte, besuchte er bis Ende der 1980er Jahre die Realschule an der Hoffmannallee in Kleve, ging aufs Berufskolleg und machte eine Lehre bei Kisters. Mit seiner Frau, den beiden Kindern (die Tochter ist vier, der Sohn sieben Jahre alt) wohnt er in Alpen.
Doch der Ingenieur hat sich nicht nur der Lehre und Forschung verschrieben – er will den Nachwuchs für diesen Beruf begeistern. "Sicherlich ist der Ingenieurberuf ein Job mit Zukunft bei gutem Gehalt, aber es ist auch ein schweres Studium. Die Kinder müssen früh Spaß an Mathe und Technik finden", sagt er. Dafür will er in die Schulen gehen, auch in die Mittelstufe, will begeistern. Nicht nur am Tag der offenen Tür im Januar.
Und was rät er den Eltern? "Schenkt den Kindern Lego, das ist besser als mit der Wii vorm Computer zu sitzen", sagt er spontan.
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