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Niederrhein: Ein unbequemer Mahner

VON RALF SCHREINER - zuletzt aktualisiert: 02.08.2012

Niederrhein (RP). Vor 20 Jahren schuf Alfred Grimm mit einer großen Bronzeplastik eine zentrale Gedenkstätte für Nazi-Opfer in Dinslaken: Jetzt setzt der Künstler (69) seine Erinnerungsarbeit mit Mahnsteinen fort.

Alfred Grimm bei der Arbeit in seinem Atelier in Hünxe: Hier entsteht das  Foto:  Martin Büttner
Alfred Grimm bei der Arbeit in seinem Atelier in Hünxe: Hier entsteht das Foto: Martin Büttner

Alfred Grimm mag Skandale. Als der Künstler anlässlich einer Picasso-Ausstellung in Dinslaken einmal eine Rede halten sollte und sah, dass drei der Bilder auf dem Kopf hingen, stopfte er sich sein zehnseitiges Manuskript in den Mund, kaute darauf herum und spuckte es den Besuchern aus Protest vor die Füße. Der Eklat war perfekt.

Das Ereignis liegt über 30 Jahre zurück. Vergessen ist es nicht. Wie könnte es das auch bei einem Künstler, der seit Beginn der 1980er Jahre mit seinem Werk in Dinslaken und am Niederrhein derart präsent ist wie Alfred Grimm. 1943 in Dinslaken geboren, studierte der Pädagoge von 1964 bis 1970 an der Kunstakademie Düsseldorf, unter anderem bei Karl Bobek und Joseph Beuys.

Info

Die Serie

Künstler am Niederrhein – so heißt die aktuelle Serie der Rheinischen Post.

Sie widmet sich in den Sommerferien vor allem den bildenden Künstlern, die in der Region tätig sind und waren.

Die Serie beleuchtet nicht nur den Werdegang, sondern auch deren Werk und Wirkung.

1981 begann er an überregionalen Ausstellungen teilzunehmen. Heute blickt Grimm auf 66 Einzelausstellungen in Deutschland und den Niederlanden sowie 120 Gemeinschaftsausstellungen, unter anderem in Luxemburg, Frankreich, der Schweiz und den USA zurück.

Der Arbeitseifer des 69-Jährigen ist enorm. Er malt, zeichnet, fertigt Objekte, Plastiken, Installationen. Grimm provoziert gern; seine Gesellschaftskritik verpackt er in Kruzifix- und TV-Objekte, öltriefende Tortenstücke oder einen umgebauten gynäkologischen Stuhl. Hunderte und Aberhunderte von Arbeiten hat Grimm aus Alltagsschrott geschaffen, allesamt sperrig und oftmals raumgreifend; es ist Kunst, die sich niemand ins Wohnzimmer stellt, die aber gern in Museen, Galerien, in Kirchen und auf Kunstmessen gezeigt wird. Etwas verbindlicher ist Grimms zeichnerisches und malerisches Werk – viele seiner Aquarelle, Pastelle, Acrylbilder und Bleistiftzeichnungen befinden sich in Privatbesitz. Im öffentlichen Raum ist der Künstler mit einer Reihe von Großplastiken präsent.

Als Alfred Grimms Mahnmal am 4. November 1993 im Dinslakener Rathauspark aufgestellt wurde, war dies für die Stadt ein Meilenstein. Der bronzene Leiterwagen, der an die Pogromnacht von 1938 erinnert, ist die zentrale Gedenkstätte für die Opfer der NS-Gräueltaten in Dinslaken. Jetzt setzt Alfred Grimm seine Erinnerungsarbeit fort. Er schafft vier Mahnsteine für die Dinslakener City. Die Bronzeplastiken sollen dort stehen, wo jüdische Bürger gelebt und gearbeitet haben.

Alfred Grimm arbeitet nicht abstrakt. Die Mahnsteine – gegossen werden sie in der Kunstgießerei Butzon und Bercker in Kevelaer – sollen ihre Botschaften anschaulich transportieren. Der erste Stein – er zeigt Hut, Handschuhe, einen Schal – erinnert an Hermann Eichengrün, der in Dinslaken ein Hutgeschäft betrieb. Die zweite Plastik – mit Wasserhahn und Abflussrohr – ist dem Installateur Julius Isaacson gewidmet. Beide Steine sollen im Oktober aufgestellt werden.

Zwei weitere sind in Arbeit – darunter der für die Viehhändler Josef und Julius Jacob. Das Wachsmodell zeigt einen dicken Strick, einen abgetrennten Kalbskopf, zwei kleine Kühe, einen Bullen, Messer, Geldbörse. Es steht in Grimms Atelier in Hünxe-Bruckhausen. Die 350 Quadratmeter große Halle, ein ehemaliger Tanzsaal, ist bis unters Dach vollgestopft mit Kunst. Tausende Zeichnungen lagern in Mappen, Schubladen und Schränken, viele Hundert Objekte, verpackt und verschraubt in riesigen Holzkisten. Das Refugium ist zugleich ein riesiges Materiallager. In den Regalen stapeln sich unzählige Kistchen und Kästchen, Kartons und Schachteln, in denen Grimm all die Dinge aufbewahrt, von denen er glaubt, dass sie mal zu Kunst werden könnten: Haare, Operationsbesteck, Wiese, Damenschuhe, tote Vögel, Patronenhülsen, Bauklötze, Schädel, Schaufensterpuppen. Grimm hat den Zivilisationsmüll tonnenweise zusammengetragen. Was andere wegwerfen, dient ihm als Rohstoff für seine Arbeiten.

Manchmal wird daraus etwas ganz Großes. Das farbenprächtige Objektfenster, das der Künstler 1990 für die evangelische Kirche "Unsere Arche" in Hünxe-Bruckhausen geschaffen hat, belegt dies eindrucksvoll. Es ist das wohl einzige Kirchenfenster, bei dem die Gottesdienstbesucher auf Fliegendraht, Kohlebrocken, Plastikfische und tote Mäuse blicken.

Quelle: RP/rl


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