Kleve: Explosion unter dem Klodeckel
VON ANNETTE SCHEEPERS - zuletzt aktualisiert: 10.02.2007Kleve (RPO). Wo ist der Niersexpress, wenn er nicht unterwegs ist? Die RP fragte nach und landete im Abstellbahnhof Düsseldorf. Dort tanken die Fahrzeuge, durchlaufen Werkstatt-Kontrollen und werden nach einem Stufenplan geputzt.
gelderland Der graue Gang des Niersexpress’, der im Abstellbahnhof Düsseldorf steht, ist rutschig und voller Schaum. Weder in den Papierkörben noch auf dem Boden liegt Abfall. Es duftet sogar ein bisschen nach Seife. Das Fahrzeug – so nennen Bahner die Züge – erhält gerade die „Innenreinigungsstufe Drei“: Säubern inklusive Feuchtwischen. „Stufe Vier beinhaltet zusätzlich, dass man die Polster extrahiert und die Fenster säubert“, sagt Friedhelm Walden, Bereitstellungsleiter der Bahn NRW in Düsseldorf.
„Wir machen unsere Fahrzeuge nicht dreckig“, spielt Walden auf die teilweise stark verschmutzten Züge und Zugtoiletten an. „Manche Leute benutzen die Toiletten einfach als Abfalleimer“, sagt er. Das war früher zwar genau so falsch wie heute, fiel aber nicht so stark ins Gewicht, weil alles, was oben reinkam, durch ein Loch sofort auf die Schienen fiel. „Mittlerweile haben alle Zugtoiletten geschlossene Systeme“, erklärt Dirk Staymann, Teamleiter der Kundenbetreuer im Nahverkehr Kleve. Und in denen fände das Reinigungspersonal ziemlich häufig Dinge, für die so ein Klo nicht ausgelegt ist: Handtücher, zum Beispiel. Essensreste. Zigaretten. Pappschachteln. Um ein verstopftes System zu reparieren, schließt man den Deckel und erzeugt Druck mit einer Fußpumpe. Neulich gab es bei einer Reinigung eine kleine Explosion – eine Schnapsflasche donnerte aus dem Tank nach oben und knallte mit ohrenbetäubendem Krach gegen den Klodeckel (verletzt wurde niemand).
Eine Strecke mit Talent
Der RE 10 (Niersexpress), der mit Fahrzeugen des Typs VT 628 (die älteren) und VT 643 (Talent) unterwegs ist, befördert pro Tag 22 000 Passagiere in beide Richtungen.
Eine Fahrt von Geldern nach Düsseldorf, 2. Klasse, ohne Bahncard, kostet derzeit 10,50 Euro. Dafür kann an beiden Orten zusätzlich der Nahverkehr benutzt werden.
Obwohl fast alle Fahrzeuge, die auf der Niersexpress-Strecke verkehren, über Nacht in Kleve stehen, fahren sie regelmäßig den Abstellbahnhof in Düsseldorf an. Beispielsweise um zu tanken. Ungefähr 900 Liter Diesel pro Tag brauchen die Verbrennungstriebwagen (VT), die auf der Niederrheinroute pendeln. „Alle zwei Wochen werden die Fahrzeuge komplett ,befristet’ – also gewartet“, erklärt Walden. Ein VT des Typs „Talent“ (Staymann: „Das sind die neuen roten Wagen mit den dunklen Fenstern.“) steht gerade aufgebockt in der riesigen Werkhalle. „Hier sieht’s aus wie in einer Autowerkstatt, bloß dass bei uns alles etwas größer ist“, sagt Walden und deutet auf einen Schraubenschlüssel, der – vorsichtig geschätzt – etwa einen halben Meter lang ist. Und was bitte, ist dieses Schwarze? Dieses fiese schmierige Zeug da in dem Eimer? „Bloß nicht drankommen“, warnt Staymann. „Das geht nicht mehr ab. Nie wieder.“ Es ist ein spezielles Schmierfett, mit dem die Kupplungen eingepinselt werden. Durchschnittlich sieben Stunden steht ein Niersexpress in der Werkhalle, wenn nichts außergewöhnliches repariert werden muss.
„Meist ist es die Elektronik, um die wir uns kümmern müssen – eben weil sehr viel über die Elektronik läuft. Die Steuerung und die Türen zum Beispiel“, sagt Walden. Nicht nur überdimensionales Werkzeug und fettgefüllte Eimer stehen in der Werkstatt, sondern auch säckeweise Sand. Walden öffnet einen kreisförmigen, bierdeckelgroßen Verschluss an der Zugseite. „Hier kommt der Sand rein“, sagt er und lässt die weißen Körner („Spielplatzqualität“) durch die Hand rieseln. Der hilft beim Bremsen im Herbst, wenn die Gleise laubglitschig sind. „Und übrigens auch beim Anfahren an steilen Strecken“, so Walden. „Aber für den Niersexpress ist das ja kein Thema.“
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