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Kleve/Rees: Fall Gülsüm: Angeklagte schweigen

VON RALF DAUTE - zuletzt aktualisiert: 06.11.2009 - 14:43

Kleve/Rees (RPO). Der Fall Gülsüm hat bundesweit für Entsetzen gesorgt. Am Freitagmorgen wurde der Prozess um den Mord an der 20-Jährigen aus Rees vor dem Klever Landgericht eröffnet. Die Angeklagten blieben stumm. Nach RP-Informationen war kein Angehöriger der Familie bei der Verhandlung dabei.

Die Kurdin ist am 2. März in der Nähe der Stadt Rees (Kreis Kleve) ermordet worden. Nun müssen sich ihr zur Tatzeit 20 Jahre alter Bruder, ihr Vater (49) und ein Russe (32) wegen gemeinschaftlichen Mordes verantworten. Und so verlief der erste Verhandlungstag:

8.40 Uhr: Vor dem Schwurgerichtssaal A 110 im Landgericht Kleve warten etwa 30 Personen - TV-Teams, Fotografen, Zuschauer. Gemurmel auf dem Gang, alle fragen sich, wo und wann die Angeklagten ankommen.

8.52 Uhr: Der Prozessauftakt startet eine halbe Stunde später. Ein Wagen mir einem Angeklagten aus Wuppetal steckt im Stau.

Gülsüms Vater weint beim Prozess vor dem Klever Landgericht. Foto: ddp

9.45 Uhr: Mit 45 Minuten Verspätung werden die drei Angeklagten in Handschellen in den Gerichtssaal geführt. Davut S., der Drillingsbruder der Ermordeten, verdeckt sein Gesicht unter einer schwarzen Jacke, Yussuf S., der Vater, hält die Hände vor sein Gesicht, nachdem ihm die Handfesseln abgenommen werden. Der dritte Angeklagte, Miro M. aus Russland, versteckt sich hinter seinem Verteidiger. Fünf Minuten Blitzlichtgewitter, dann Abgang Bildjournalisten.

Richter Christian Henckel eröffnet die Verhandlung mit der Vereidigung einer Schöffin. Davut hat den Kopf zwischen seine Schultern eingegraben, er schluchzt. Henckel gibt eine Erklärung ab, dass die Kammer die Vorberichte in den Medien zur Kenntnis genommen habe. Die Kammer werde fair und unvoreingenommen urteilen.

Der Fall Gülsüm: Heute, 9 Uhr, startet der Prozess vor dem Klever Lansgericht. Die 20-Jährige wurde am 2. März brutal ermordet. Foto: ddp

Vater und Russe mit Dolmetscher

Staatsanwalt Martin Körber verliest die Anklage. Aus "Wut und Verärgerung" über die Annäherung von Gülsüm an den westlichen Lebensstil und über den vorgenommenen Schwangerschaftsabbruch hätten ihr Vater und ihr Bruder beschlossen, sie zu töten. Davut und Yussuf hätten die Tat ausgeführt. Das Opfer sei zunächst bis zur Bewusstlosigkeit gedrosselt, dann sei ihm mit Holzknüppeln ins Gesicht geschlagen worden. Todesursache: massive stumpfe Gewalteinwirkung

Alle Angeklagten lassen über ihre Anwälte mitteilen, dass die Vorwürfe nicht zutreffen. Sie kündigen an, nur zu ihrem Lebenslauf aussagen zu wollen, ansonsten wollen sie von ihrem Recht zu schweigen Gebrauch machen.

Als erstes äußert sich der Vater zu seiner Biographie. Drei Jahre Schulbesuch, in der Türkei hat er als Landwirt gearbeitet. Er lebe "seit 15 oder 16 Jahren in Deutschland". Das Sozialamt sorge für seinen Lebensunterhalt. Er sei seit elf Jahren in zweiter Ehe verheiratet, habe jeweils fünf Kinder aus beiden Ehen. Und eines aus erster Ehe, das verstorben sei.

Miro wuchs in Russland bei Verwandten auf, seinen Vater lernte er nie kennen, seine Mutter "verschwand", als er sieben war. 2002 zog er nach St. Petersburg, schlug sich dort als Hilfsarbeiter durch. Er wurde aus rassistischen Gründen (asiatisches Erscheinungsbild) mehrfach attackiert. 2007 gab er seine Ersparnisse in Höhe von 1500 Euro aus, um nach Westeuropa zu kommen. Er landete in Rees. Dort sei er im März 2009 festgenommen worden. "Wenn ich aus dem Gefängnis komme, gehe ich nach Russland zurück." Anwalt Jochen Thielmann verliest die Erklärung.

Als letztes erzählt der dritte Angeklagte, Davut. Im Alter von "sechs oder sieben Jahren" sei er nach Deutschland gekommen, hier habe er bis zur neunten Klasse die Hauptschule besucht und sei dann abgegangen. Zeitweise habe bei einer Zeitarbeitsfirma gearbeitet, zum Tatzeitpunkt hatte er keine Beschäftigung. Mehr will er nicht sagen. Er spricht mit monotoner, brüchiger Stimme und sieht die ganze Zeit zu Boden.

Den Schlusspunkt des ersten Verhandlungstages setzt Rechtsanwalt Siegmund Benecken, der Verteidiger des Vaters. Er präsentiert eine Erklärung, nach der sämtliche Verwandte die Aussage verweigern wollen. Zwei hätten das Dokument schon unterschrieben, die anderen würden folgen. Richter Henckel sagt, diese Erklärung werde er so nicht akzeptieren, sie sehe aus "wie Nachbarschaftssammeln". Jeder müsse eine eigene Erklärung unterschreiben – Benecken sichert zu, diese zu besorgen.

10.22 Uhr: Richter Henckel schließt die Verhandlung. Der nächste Termin ist Dienstag, 10. November. Dann sollen Verbindungsdaten ausgewertet werden. Jeder Verteidiger erhält eine DVD mit der Auswertung der Telefongespräche.

Quelle: RP/jul

 
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