Niederrhein: Gerhard Tersteegen: Der unbequeme Mystiker
VON CHRISTIAN SCHROEDER - zuletzt aktualisiert: 16.08.2010 - 15:17Niederrhein (RPO). Gerhard Tersteegen (1697-1769) trug als Prediger viel zur protestantischen Erweckungsbewegung bei. Er stieg jedoch nur ein einziges Mal auf eine Kirchenkanzel. Der gebürtige Moerser dichtete noch heute bekannte Kirchenlieder.
Wie er ausgesehen hat, darüber wird heute unter Fachleuten gestritten. Möglicherweise gibt es gar kein Porträt von Gerhard Tersteegen. Das oft gezeigte Bild mit dem leicht nach links gerichteten Gesicht soll den berühmten Kirchenmusiker vom Niederrhein nach Expertenmeinung keinesfalls abbilden. Vielmehr zeigt wohl ein anderes Gemälde, das einen leicht nach links schauenden Mann mit längeren Haaren abbildet, den im Jahre 1697 in Moers geborenen Theologen, Prediger, Seelsorger und Schriftsteller.
Aus frommem Elternhaus
So viel auch über sein Aussehen diskutiert wird – die Verdienste Tersteegens sind unbestritten. Es war die Zeit, in der sich der Pietismus, die wichtigste protestantische Erweckungsbewegung in Europa, am Niederrhein ausbreitete. Ter-steegen stammte aus einem frommen Elternhaus, das dort stand, wo nun das Café Extrablatt am Altmarkt in Moers zuhause ist. Eine Tafel an der Wand erinnert an ihn.
Werke
Gerhard Tersteegen schrieb 24 Biografien von großen Christen, die allesamt katholisch waren, darunter von Franziskus von Assisi und Teresa von Ávila.
111 von ihm gedichtete geistliche Lieder sind überliefert.
Da der Vater früh verstarb, ging Tersteegen 1713 nach Mülheim, um Kaufmann zu werden. Doch er war menschenscheu. So zog er sich wieder aus diesem Beruf zurück. Der junge Mann schnappte sich massenhaft Bücher und machte sich auf religiöse Suche. 1724, berichtete Tersteegen selbst, habe er seine göttliche Bekehrung erlebt. Der Autodidakt wurde zu einem Prediger. Allerdings stieg er nur ein einziges Mal auf eine echte Kirchenkanzel, bei den Mennoniten in Krefeld.
In Scheunen und Schuppen
Den Pastoren der evangelischen Landeskirche soll der Wanderprediger unheimlich gewesen sein. Tersteegen legte die Bibel an eher ungewöhnlichen Orten aus, in Scheunen und Schuppen. Viele Menschen hörten ihm zu. Er beeinflusste so maßgeblich die junge protestantische Erweckungsbewegung, den Pietismus.
Vielfach wird der gebürtige Moerser auch als Mystiker bezeichnet: "Mystiker reden wenig, sie tun und sie leiden vieles, sie verleugnen alles, sie beten ohne Unterlass, der geheime Umgang mit Gott ist ihr ganzes Geheimnis", definiert das "Heiligenlexikon" im Internet.
Großer Zapfenstreich
Abends schrieb und übersetzte Tersteegen Texte. Das Predigtbuch "Geistliche Brosamen, Von des Herrn Tisch gefallen, von guten Freunden aufgelesen und hungrigen Herzen mitgeteilt" wurde viel gelesen. Etliche Kirchenlieder werden noch heute gesungen werden. Im aktuellen Evangelischen Gesangbuch (EG) sind zehn Lieder von Tersteegen abgedruckt, unter anderem "Jauchzet ihr Himmel, frohlocket, ihr Engel, in Chören" und "Ich bete an die Macht der Liebe". Auch ein Teil des Großen Zapfenstreichs der Deutschen Bundeswehr stammt ursprünglich von Tersteegen. Sein Wirken bestand auch aus Taten: Er mischte Hausmittel zusammen, verteilte sie als Arznei unentgeltlich an Bedürftige.
Tersteegen blieb bis zu seinem Tode am 3. April 1769 in Mülheim unverheiratet. Dieses deckte sich mit dem Ideal der sexuellen Askese, die er als Radikalpietist predigte. In vielen Städten, gerade in Nordrhein-Westfalen, tragen etliche öffentliche Einrichtungen seinen Namen, so auch in Moers, Neukirchen-Vluyn, Krefeld und Düsseldorf.
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