Kleve/Emmerich: Gülsüm: Miro M. ist in Wirklichkeit Sahil H.
VON RALF DAUTE - zuletzt aktualisiert: 24.11.2009 - 17:24In Kleve wird der Prozess um den Mord an der jungen Türkin Gülsüm fortgesetzt. Ein Zeuge sagt über die Stimmung bei der Beerdigung der jungen Frau aus. Kriminalhauptkommissar Gerhard Hoppmann gibt die wahre Identität des dritten Angeklagten preis.
9.07 Uhr: Richter Christian Henckel startet den 6. Verhandlungstag mit der Mitteilung, dass sich der Beginn heute verzögern wird. Die Angeklagten sind noch unterwegs. Neuer Startversuch: 10.30 Uhr.
10.33 Uhr: Richter Henckel im lockeren Plausch mit dem Sachverständigen Prof. Leygraf. Staatsanwalt Körber scherzt mit den Verteidigern. Von den Angeklagten fehlt immer noch jede Spur.
10.48 Uhr: Die drei Angeklagten werden in Handschellen in den Saal geführt. Es geht weiter. Drei Zeugenvernehmungen stehen auf dem Programm - unter anderem ein Forstamtsleiter, der sich zur Herkunft der Tatwerkzeuge äußern soll.
10.58 Uhr: Die Verteidiger von Miro M. stellen neue Beweisanträge. Eine Zeugin soll vernommen werden. Sie habe miterlebt, wie Gülsüm ihrem Vater von der Schwangerschaft berichtet habe. Gülsüm sei weinend zusammengebrochen und soll gesagt haben: "Mein Vater bringt mich um."
11.08 Uhr: Der Auszubildende eines Autohauses kommt als Zeuge. Was kann er zur Wahrheitsfindung beitragen? Vater Yusuf S. habe am 3. März, (also nach Gülsüms Ermordung) seinen Audi A4 waschen lassen. Ungewöhnlich, weil es regnete. Da lässt sonst keiner seinen Wagen waschen. Verschmutzung: "Schlamm in den Radkästen".
Zeuge Nr. 2, ein Kripobeamter, der am Anfang die Ermittlungen leitete. Der 56-Jährige berichtet, dass aufgrund abgehörter Gespräche eigens ein Dolmetscher für den kurdischen Dialekt des Vaters besorgt worden sei. Dann habe die Vernehmung begonnen und Yusuf S. habe erklärt, er spreche die Sprache nicht. Merkwürdig. Mit einem türkischen Dolmetscher ging's dann - "aber ziemlich zählflüssig".
Seine Aussagen in den zwei Vernehmungen seien widersprüchlich gewesen. Verteidiger Benecken wittert seine Chance: "Ist Ihnen die Idee gekommen, dass der Angeklagte schwachsinnig sein könnte?" Auf die Idee war der Kripobeamte nicht gekommen. Vater Yusuf nimmt auch das teilnahmslos hin.
Kurz vor Mittag macht Richter Christian Henckel den Handy-Beweis. Er wählt die Nummer des Zeugen und zeigt, dass dieser Anrufversuch auf der Liste seiner ausgehenden Gespräche erscheint. Die Verteidigung des Vaters hatte auf einen Anrufversuch des Vaters auf Gülsüms Handy am 4. März, zwei Tage nach ihrem Tod, hingewiesen. Was das soll, bleibt unklar.
12.02 Uhr: Zeuge Nr. 3 (28), ein entfernter Verwandter der Familie S. Er war bei der Trauerfeier in Rees dabei. Der Polizei gab er folgende Aussagen zu Protokoll: "Das war keine Trauerfeier, da herrschte gute Stimmung. Das war komisch und eigenartig. Der Vater und der Bruder waren total ruhig. Es herrschte eine Stimmung wie auf einem Polterabend." Vor Gericht erleidet der Zeuge einen schweren Amnesieanfall. Jedenfalls, als Richter Henckel jeden einzelnen Satz abfragt, kommt es gebetsmühlenartig: "Das habe ich nicht gesagt."
Richter Henckel wird laut. Der Zeuge auch: "Sie brauchen mich nicht anzuschreien!" Henckel: "Ich schreie so viel wie ich will." Allerdings ohne Ergebnis: Der eingeschüchtert wirkende Zeuge wird unvereidigt entlassen und trägt zur weiteren Aufklärung nichts bei.
Mittagspause
Nach der Mittagspause kommt Gerhard Hoppmann, Chef der Mordkommission, in den Zeugenstand. Er berichtet über Biographisches zur Familie S., Infos zur Schwangerschaft von Gülsüm, Erkenntnisse zur Zerrissenheit der 20-Jährigen zwischen westlicher und traditioneller Orientierung. Vielfach muss er schweigen, weil die Erkenntnisse aus den Vernehmungen der Drillingsschwester stammen, und diese Aussagen dürfen nicht verwertet werden.
Hoppmann bringt den Jackenknopf ins Spiel, der am Tatort gefunden und einer Jacke des mitangeklagten Russen zugeordnet wurde. "Es war kein Allerweltknopf, er war so groß wie ein 2-Euro-Stück mit länglichen Löchern." Und es war Blut dran. Dann die Entdeckung der Jacke von Miro M. - an der ausgerechnet diese Knöpfe fehlten: "So was als Beweisstück, das ist außerordentliches Glück, das erinnert an Agatha Christie."
Hoppmann: "Die Gesamtumstände der Telefonate erschienen uns so, als ob hier eine Absprache erfolgt ist." Und Gülsüm wäre so wie sie war, mit dieser Jogginghose bekleidet, niemals mit einem Fremden mitgegangen."
14 Uhr: Kurze Unterbrechung für den Forstdirektor Hanns-Karl Ganser, der als sachverständiger zu den Holzknüppeln aussagen soll. Er kommt mit einer blauen IKEA-Tasche voller ähnlicher Knüppel. "Sie sind in Gewicht und Form vergleichbar. Ich habe sie ich nach kurzer Suche in der Nähe des Tatorts gefunden." Die Tatknüppel bestehen seiner Meinung nach aus dem Holz von Kopfweiden, die zwischen einem und drei Jahren zuvor beschnitten worden waren. An den Tatwerkzeugen gibt es auch keine Spuren einer Behandlung - vom Baumarkt stammen sie also nicht.
14.17 Uhr: Nun ist wieder der Kriminalhauptkommissar an der Reihe. Die Vernehmung des Vaters ist das Thema: Yusuf S. war in der Vernehmung "sehr einsilbig", die Befragung "verlief zäh", "wir mussten ihm immer wieder Vorhaltungen machen". Er habe sich "arrogant und abwesend" verhalten. Fazit: "Die Vernehmung war nicht besonders informativ."
Hoppmann war es auch, der die Drillingsschwester Z. zum in Düsseldorf inhaftierten inhaftierten Miro M. fuhr und sie dort zu einem Gespräch mit dem Untersuchungshäftling führen ließ. Hoppmann: "Sie sagte mir: Wenn ich mit ihm spreche und er mir sagt, dass Davut an der Tat beteiligt war, will ich mit meiner Familie nichts mehr zu tun haben." Dann wäre Z. ein Fall fürs Zeugenschutzprogramm geworden. Jetzt ist sie die prominenteste der Familienangehörigen, die von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch macht. Da Miro jedoch nichts gesagt habe, sei dieser Ansatz erledigt gewesen.
15.28 Uhr: Hoppmann erläutert überraschende und aktuelle Erkenntnisse des Bundeskriminalamts zur Miro M. Demnach ist er nicht Miro M., sondern - durch Fingerabdurck bestätigt - Sahil H., geboren am 10. 5. 1972 in Aserbeidschan. 1992 wegen Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz zu neun Monaten Haft verurteilt, dann zur Armee gemeldet, dann 1995 wegen Verstoßes gegen das Waffengesetz zu anderthalb Jahren Haft verurteilt.
Die Neuigkeit kommt bei Miros Anwälten Christian Thielmann und Andrea Groß-Bölting schlecht an. Sie erröten, und auch "Miro" fühlt sich sichtlich unwohl in seiner Haut und verwringt seine Hände.
15.39 Uhr: Abgang Gerhard Hoppmann.
15.41 Uhr: Richter Henckel verkündet die Absicht, Auszüge eines Briefs von Davut zu verlesen, den dieser seiner Freundin Monique geschrieben hat. Die Verteidiger sind sofort auf den Barrikaden, weil sie das Schreiben nicht kennen. Henckel unterbricht Anwalt Simonis. Der ist sauer: "Bleiben Sie doch entspannt." - Henckel: "Ich bin entspannt!" Der Brief wird am Freitag verlesen.
15.51 Uhr: Ein raffinierter Gegenschlag des Miro-Anwaltsduos. Per Beweisantrag fordern sie, alle elf Kriminalbeamten zu vernehmen, die mit den Angehörigen der Familie S. gesprochen haben, die alle nichts mehr sagen wollen (Zeugnisverweigerungsrecht). So kämen die Aussagen, die ihren Mandanten möglicherweise entlasten, doch ins Verfahren. Falls nicht, soll das Verfahren gegen Miro abgetrennt werden - auch dann könnten sämtliche Mitglieder der Familie S. als Zeugen vernommen werden. Mit Miro sind sie nämlich nicht verwandt.
16.19 Uhr: Richter Henckel kehrt mit seiner Kammer nach einer viertelstündigen Beratungspause zurück. Ergebnis: noch keine Entscheidung über den Antrag, Fortsetzung des Prozesses am Donnerstag um 9 Uhr.
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