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Rees/Kleve: Gülsüm: Zeugen berichten von Verletzungen

VON RALF DAUTE - zuletzt aktualisiert: 17.11.2009 - 19:12

Rees/Kleve (RPO). Es ist der fünfte Verhandlungstag im Mordprozess Gülsüm - und damit Halbzeit. Bisher ist der Prozess am Landgericht Kleve ein Puzzlespiel aus Indizien und Aussagen. Wie berichtet, müssen sich drei Tatverdächtige wegen Mordes verantworten. Angeklagt sind Gülsüms Vater, ihr Bruder Davut und ein befreundeter Russe. Heute werden weitere Zeugen gehört.

Am Freitag war 11. Verhandlungstag im Mordprozess Gülsüm. Foto: RPO
Am Freitag war 11. Verhandlungstag im Mordprozess Gülsüm. Foto: RPO

9.11 Uhr: Der fünfte Verhandlungstag am Landgericht Kleve ist noch nicht gestartet. "Ein Verteidiger ist noch unterwegs", sagt ein Polizist. Die Vernehmung weiterer Zeugen verzögert sich also.

9.41 Uhr: Christian Simonis, der Verteidiger des Angeklagten Davut S., ist angekommen. Acht Minuten später werden die Angeklagten in den Saal geführt. Eine Minute später eröffnet Richter Christian Henckel die Verhandlung. Erster Zeuge: Ein Kripobeamter aus Rees, dessen Sohn gemeinsam mit Davut zur Schule ging.  Er gab an, dass die Familie Gülsüm schon einmal als vermisst gemeldet hatte. Das war im Sommer 2008. Nach der Tat unterblieb eine solche Meldung.

Der Polizist berichtet, dass er einen Tag später einen Anruf erhalten habe, dass es Gülsüm gut gehe. Er bestand darauf, dass persönlich zu überprüfen. Es kam zu einem Gespräch, in dem von Gewalttätigkeiten seitens des Vaters die Rede war. Zugleich habe Gülsüm betont, dass sie ihren Vater und ihre Geschwister liebe. Sie wollte sich trotz aller Risiken nicht von der Familie loslösen, so der Zeuge.

Der Polizist kennt den Angeklagten Davut von Kindesbeinen an. Er war ein Klassen- und Spielkamerad seines Sohnes. Als er von dem Verbrechen hörte, "war mir sofort klar, dass Davut damit etwas zu tun haben kann".

Zum ersten Mal an diesem Tage kommt ein Kieferbruch Gülsüms als mögliche Folge einer Misshandlung des Vaters zur Sprache. "Nachforschungen in einem Duisburger Krankenhaus haben jedoch nichts ergeben", so der Beamte.

10.07 Uhr: Die zweite Zeugin, eine Sozialpädagogin, die Gülsüm in Mülheim betreute, wird verhört. "Wir hatten ein sehr vertrauensvolles Verhältnis, sie hat mir viel erzählt." Es habe gewalttätige Auseinandersetzungen mit dem Vater gegeben. 2008 habe er ihr einen Kieferbruch zugefügt – der Vater hört sich die Übersetzung an, nimmt die Aussage regungslos zur Kenntnis. "Gülsüm wollte keine Anzeige erstatten, 'das ist doch mein Vater'" habe sie gesagt. Am Anfang war Gülsüm mit Enthusiasmus bei der Sache, doch dann erlebt die Betreuerin Rückschläge, erhält schließlich eine SMS: "Ich will nicht mehr weiterleben." Mitte Dezember, nachdem die erste Wohnung von der Familie ausfindig gemacht worden sei, findet die inzwischen Schwangere eine neue, größere Wohnung: "Sie sagte, dass sie unabhängig sein wolle, ihr eigenes Geld haben wolle", berichtet die Zeugin. Der Vater habe von der Schwangerschaft gewusst und sich auf den Enkel gefreut, habe Gülsüm ihr berichtet.

Dann der Schock: Gülsüms Freund Altin erzählt der Sozialarbeiterin Ende Januar "völlig aufgelöst" von dem Schwangerschaftsabbruch und dass Gülsüm nach Rees zurückgekehrt sei. Sie solle einen Mann aus Hannover heiraten.

10.45 Uhr: Die dritte Zeugin, eine Lehrerin des Berufsbildungswerks aus Mülheim/Ruhr, sitzt im Zeugenstand. "Sie war nicht dieser fröhliche Mensch, sie war ein zerbrechliches Mädchen", so ihr Eindruck von Gülsüm. Sie sei von zu Hause weggegangen, weil ihr Vater "mit dem Knüppel" auf sie eingeschlagen und den Kopf gegen eine Heizung geschleudert habe, habe Gülsüm ihr berichtet. Auch diese Zeugin berichtet von einer Kopfverletzung, die so schwer gewesen sei, dass sie sich nicht zum Arzt getraut habe und deswegen ihren Arbeitsplatz verloren habe. Die Drillingsschwester habe ihr einmal gesagt: "So wie mein Vater uns behandelt, so behandelt man nicht einmal Tiere."

Also wird auch die Drillingsschwester nach Mülheim verbracht. Doch Tage später sei sie mit ihrer Schwester nach Rees zurückgekehrt. Die Zeugin: "Gülsüm hat ihre Familie immer in Schutz nehmen wollen, wollte nie, dass man schlecht über sie spricht." Auf den Heiratskandidaten aus Hannover angesprochen, erinnert sich die Zeugin an die folgende Aussage Gülsüms: "Die können mich umbringen, die können mich totschlagen – den heirate ich nicht."

Zeugin Nr. 4, die Mutter einer Freundin von Gülsüm, sagt aus: "Sie kam einmal mit einem blauen Auge zu uns und sagte, dies sei die Folge eines Streits mit ihrem Vater. Sie würden sich nicht verstehen. Sie hat ihren Vater immer in Schutz genommen: 'Ich liebe ihn trotzdem.'"

Dann kommt die Freundin selbst in den Zeugenstand. Sie hat wie Gülsüm bei McDonald's in Wesel gearbeitet. Sie berichtet, Prellungen bei Gülsüm entdeckt zu haben. Die Erklärung von Gülsüm: Da hat mein Vater mich geschlagen, weil ich zu spät nach Hause gekommen bin. Er habe sie auch als "Nutte" und "Hure" beschimpft.

Man hat das Gefühl, die Richtungen der Aussagen wechseln wie das Fähnlein im Wind. Mal wird der Vater als verständnisvoll beschrieben, dann wieder als grausamer Familientyrann. Was ist wahr?

Gülsüm habe auch Angst vor Davut gehabt. Als seine Schwester bei ihr Zuflucht gesucht habe, so die Zeugin, soll Davut laut Gülsüm gesagt haben: "Wenn ich dich finde, schlage ich dich zusammen, bis du tot bist." Ihre Antwort: "Aber wir leben doch in Deutschland, nicht in der Türkei", so die Zeugin.

11.41 Uhr, Zeuge Nr. 6: Altin, der aus Albanien stammende Freund von Gülsüm. Er erzählt vom Kennenlernen - bei McDonald's, von Gülsüms erster Flucht aus dem Elternhaus. "Wir haben zwölf Tage in Autos und Hotels geschlafen." Er bringt erneut die schwere Kieferverletzung ins Spiel: "Wir sind ins Krankenhaus gefahren, aber sie wollte keine Anzeige erstatten." Davut wird als hilfsbereiter Bruder geschildert.

"Gülsüm wollte sechs Kinder haben", so Altin. "Gülsüm hat mir gesagt, sie hat einen Fehler gemacht, als sie ihrer (älteren) Schwester vertraut habe." Sie habe sie zur Abtreibung überredet. Altin: "Im Dezember habe ich den Vater gefragt, ob ich Gülsüm heiraten kann. Ich hatte den Eindruck, dass er mich akzeptierte." "Ich sollte die Hälfte der Abtreibung bezahlen. Doch dazu ist es nicht mehr gekommen." Sagt Altin. Der Vater habe von Gülsüms Schwangerschaftsabbruch gewusst, sei aber ruhig geblieben. Davut habe nichts davon gewusst. "Wenn ich keine Jungfrau mehr bin, wird Davut mich umbringen", habe Gülsüm gesagt.

Das letzte Telefonat war am Montag gegen 20 Uhr. Gülsüms letzte Worte: "Ich liebe dich. Ich rufe dich später an." Gülsüm habe ihn als "ihren Mann" betrachtet.

12.22 Uhr: Altins Aussage ist beendet. Beim Hinausgehen zischt er Davut an: "Davut, guck' mich an! Davut, guck mich an!" Davut tut, was er seit Prozessbeginn tut. Er stiert zu Boden.

12.28 Uhr: Altin kehrt als Zuschauer in den Gerichtssaal zurück. Die Stimmung wird leicht nervös.

Am Abend des 2. März gegen 20.40 Uhr hat sie versucht, Gülsüm telefonisch zu erreichen. Das Handy sei ausgeschaltet gewesen. Doch genau dieser Umstand machte ihr zunächst keine Sorgen – weil die Familie sich noch nicht bei ihr gemeldet hatte. "Die haben sich sonst immer sofort gemeldet."

Erst am Mittwoch, zwei Tage später, sei ihr die Sache merkwürdig vorgekommen. Mittagspause, um 13.30 Uhr wird die Verhandlung fortgesetzt. Mit einer Biologin des LKA Düsseldorf als Sachverständige im Zeugenstand. 108 Asservatenstücke musste sie untersuchen, darunter auch die "potenziellen Tatstücke", die Holzknüppel "mit massiven rötlich-braunen Anhaftungen".

14.01 Uhr: Die Untersuchungen zeigen: Das ist Gülsüms Blut. Doch was ist mit Spuren der Täter? Es ist nicht viel, was sie findet. Und welche Beweiskraft es hat, sei dahingestellt. An einem Holzstück hat die Biologin DNA-Spuren eines Y-Chromosoms entdeckt.

Das Profil passt auf Davut – aber das kein DNA-Beweis, da das Y-Chromosom nicht nur eine Vermischung der Elternchromosomen entsteht und somit eine einzigartige Mischung aufweist. Es wird vom Vater auf den Sohn übergeben. Es passt also auch auf den Vater. Und auf andere Verwandte.

Und in der Y-Chromosomen-Datenbank der Berliner Charité, in der 77.000 Vergleichsmuster aus aller Welt gespeichert sind, ist jede 8594. Probe identisch. An den Händen des Opfers hat Abriebspuren gefunden, die ebenfalls der Y-Chromosomen-Analyse unterzogen werden.

Es passt zu Mrio. M., dem angeklagten Russen. Aber auch hier: Jede 222. Person hat ein identisches Muster. Mit anderen Worten: "Miro M. ist als Verursacher nicht auszuschließen." Mehr ist nicht drin. "Keine biostatistische Wertigkeit", so die Gutachterin. Der BMW sei untersucht worden – keine Blutspuren, nicht einmal Spuren von Gülsüm.

14.23 Uhr: Die beiden nächsten Zeugen sorgen für einen kurzen Moment der Slapstick. Eine türkische Hausfrau aus Brilon sagt, sie möchte von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch machen. Yusuf S., der angeklagte Vater, sei ihr Onkel. Richter Henckel: "In den Akten steht, er ist ihr Cousin." – "Ja, das auch."

Am Richtertisch wird ein Familienstammbaum aufgemalt. Ergebnis: Sie darf schweigen. Ihr Mann aber nicht. Auf die Frage, in welchem Verwandtschaftverhältnis er zum Angeklagten steht, antwortet er: "Der Vater meiner Frau sagt zu meiner Tante Oma." Ähnlich erhellend auch der Rest seiner Aussage. Klare Worte dagegen bei Zeugin Nr. 11. Die Frauenärztin von Gülsüm. Sie sei am 19. 1. zu ihr gekommen und habe einen Schwangerschaftsabbruch gewünscht.

Laut Ärztin hat Gülsüm gesagt: "Mein Vater wird mich totschlagen, wenn er dahinterkommt." Zuvor war schon einmal bei ihr, hatte Blutergüsse und wollte ein Jungfräulichkeitsattest. Das bekam sie. Die Ärztin: "Wenn ein Mädchen mir das sagt, glaube ich das."

Letzter Kontakt war Ende Februar, als die Ärztin sie wegen Komplikationen bei der Abtreibung ins Marienhospital Wesel überwies. Deutlich unverständlicher wird es dagegen wieder beim zwölften Zeugen des Tages. Ein Türke, der eine Tochter der Familie S. heiraten sollte.

Er war zu einem Beileidsbesuch in Rees, übernachtete bei der Familie und erlebt, wie ein nächtlicher Besucher an der Tür klingelt. Im Gerichtssaal zeigt er auf Miro: "Der war's." Später spricht Richter Henckel ihn auf eine protokollierte Aussage an, nach der Davut ihn gefragt haben soll: "Kennst du jemanden, der andere Leute umbringt." Davut sagte dass er eine Freundin habe, die schwanger sei – "wenn sie nicht abtreibt, werde ich sie töten" – Veriwrrung komplett. Der Zeuge: "Ich habe das nicht ernst genommen."

14.51 Uhr: Richter Henckel verliest eine weitere protokollierte Aussage: "Da ist eine Schwester tot, und man hat das Gefühl, dass ihr Bruder und der Vater sich darüber freuen." Erklärung aus dem Zeugenstand: die seien eben so "locker" gewesen, das habe er damit ausdrücken wollen.

Mit der Vernehmung zweier Kriminalbeamten, deren Vernehmungen noch mal haarklein seziert werden, endet der 5. Verhandlungstag.

13.20 Uhr: Zeugin Nr. 7, eine Anwohnerin, sagt aus. Ihr hat sich Gülsüm ebenfalls anvertraut. Sie sagt, Gülsüm habe ihr berichtet, dass sie bereits einen Selbstmordversuch unternommen habe. "Am 6. 5. Mai hat sie mir eine SMS geschickt, dass ihr Vater ihr den Kiefer gebrochen habe."

Quelle: RP

 
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