Kleve: Haiti: Amputationen im Akkord
VON PETER JANSSEN - zuletzt aktualisiert: 21.01.2010 - 10:53Kleve (RPO). Die Klever Daniela und Michael Lesmeister erleben in Haiti täglich schockierende Schicksale. Die Arbeit der beiden ISAR-Mitarbeiter wurde am Mittwoch durch ein schweres Nachbeben weiter erschwert.
Er hilft jeden Tag bis zum Sonnenuntergang. Und der ist in Port-au-Prince gegen 18 Uhr. Der Klever Michael Lesmeister, der zusammen mit seiner Frau Daniela für die I.S.A.R. (International search and rescue) in Haiti aktiv ist, hat in den vergangenen Tagen erschreckende Bilder gesehen.
"Ich habe in Deutschland noch nicht eine Amputation gesehen. Gestern waren es hier 30", sagt der 43-Jährige. Von der Arbeit wurde eine Bilder-CD zusammengestellt, um nachher über die Maßnahmen zu berichten. Doch weiß der Klever schon jetzt: "Die können wir zu Hause gar nicht zeigen. Die Aufnahmen sind zu schockierend."
Lesmeister berichtet in einem Telefongespräch darüber, dass Kinder, denen etwa die Beine amputiert wurden, kaum mehr schreien oder weinen. "Die haben offenbar kein Schmerzempfinden mehr", sagt Lesmeister. Notärzte, mit denen der Klever in Haiti zusammenarbeitet, hätten derartige Zustände ebenfalls noch nicht erlebt. Amputationen werden im Akkord durchgeführt. Lesmeister erklärt, dass die Versorgung mit medizinischem Material völlig unzureichend sei. "Hier wird unter einer Plastikplane operiert. Das ist wie in einem Feldlazarett", sagt der 43-Jährige. Zudem beschweren sich immer mehr Hilfswerke über massive Schwierigkeiten, nach Port-au-Prince zu gelangen.
I.S.A.R. Germany
I.S.A.R. Germany ist eine Search and Rescue-Einheit (Suche- und Bergen-Einheit) und in der Lage, nach entsprechender Alarmierung in kürzester Zeit ein großes Spektrum an Hilfsmaßnahmen anzubieten. Jede Einsatzkraft ist Spezialist in ihrem Aufgabengebiet. So wird neben dem bereits vorhandenen feuerwehrtechnischem, berufsspezifischem oder hilfsorganisatorischem Wissen eine spezifische I.S.A.R. Germany Ausbildung in der jeweiligen Fachsparte vermittelt.
Starkes Nachbeben
Die Arbeit des I.S.A.R-Teams wurde am Mittwoch enorm erschwert. In den Morgenstunden hatte es ein starkes Nachbeben gegeben. Lesmeister: "Wir sind davon ordentlich durchgeschüttelt worden." Sofort hatte es im UN-Hauptquartier eine Krisensitzung gegeben, auf der festgelegt wurde, wer in das Gebiet, in dem das Epizentrum lag, fahren sollte. Die drei erfahrensten Teams aus Polen, England und Deutschland sollten in die etwa 60 Kilometer von Port-au-Prince entfernte Region fahren. "Für diese Strecke hätten wir mehr als vier Stunden gebraucht. Wir waren gerade dabei, die belgischen Einsatzkräften zu unterstützen und wollten dort weiterarbeiten, wo wir am Tag zuvor aufgehört hatten" , sagt Lesmeister. Der Klever ist sich sicher dass, wenn die Deutschen in die vom neuen Beben erschütterte Region gefahren wären, am alten Einsatzort Menschen gestorben wären. "Wir hatten den Opfern am Tag zuvor versprochen, dass wir wiederkommen", erklärt Lesmeister.
Wenn die Dunkelheit eintritt, müssen die Helfer zurück ins Quartier. Die Sicherheitslage erfordert dies. Abends wieder am Zelt angekommen, wird der Tag mit den Teamkollegen besprochen. Bis Freitag werden die beiden Klever in Haiti die Not lindern. Für 16 Uhr ist dann ihr Rückflug geplant. Wieder in Kleve angekommen wird Michael Lesmeister Zeit brauchen, um die dort gesehen Eindrücke zu verarbeiten, denn, so sagt er: "Das Elend hier ist riesengroß."
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