Kleve: Kommt „Delfin 4“ zu früh?
VON VIVIAN KLEIN - zuletzt aktualisiert: 20.03.2007Kleve (RPO). Die Sprachtests für Vierjährige sind jetzt überall im Kreis Kleve in vollem Gange. In der Praxis erwiesen sich manche Befürchtungen als richtig: Gerade die jüngeren Kinder sind mit den Aufgaben vielfach überfordert.
Etwas zögerlich betreten die Vierjährigen die Turnhalle des Kindergartens „Zipfelmütze“ in Pfalzdorf. Obwohl sie nicht wissen, dass sie heute einem Sprachtest unterzogen werden, merken sie doch, dass etwas anders ist als sonst. „Wir spielen jetzt ein neues Spiel zusammen“, erklärt ihnen Kindergartenleiterin Maria Seyfried. Aber das machen sie eben üblicherweise nicht in der Turnhalle, und da sind dann auch nicht noch Fremde dabei, die auf großen Papierbögen Notizen machen.
So oder ähnlich sieht es derzeit überall in NRW in Kindertageseinrichtungen oder Grundschulen aus. Auf Anforderung des Schulministeriums werden mit dem Spiel „Ein Besuch im Zoo“ alle Vierjährigen auf ihre sprachlichen Fähigkeiten hin getestet. „Delfin 4“ nennt sich der Test. Die Praxis zeigt jedoch, dass er seine Problembereiche hat.
Gründe für den Test
Zehn bis 15 Prozent aller Kinder gehören zur „Risikogruppe“ mit sprachlichen Defiziten, heißt es von Seiten der Universität Dortmund. Dort wurde das Sprachspiel entwickelt. Bei Kindern mit Migrationshintergrund sind es gar 20 bis 30 Prozent.
Im Alltag bleiben manche Sprachentwicklungsstörung unentdeckt, daher wurde der Test entwickelt.
Sprachprobleme führen zu Lernproblemen und oft auch zu sozial-emotionalen Schwierigkeiten.
„Die Kinder sind ja teilweise noch nicht einmal vier Jahre alt“, berichtet Erzieherin Elke Nagelschmitz, während drei Kinder aus ihrer Gruppe in der Turnhalle den „Zoobesuch“ machen. „Diese Kinder sprechen teilweise noch sehr undeutlich. Das ist normal, Kinder entwickeln sich unterschiedlich. Das eine beschäftigt sich früh mit dem Sprechen, das andere mehr mit sozialen Kontakten. Das heißt aber nicht, dass sie besondere Förderung nötig hätten.“ Manche Kinder hätten auch einfach Schwierigkeiten, sich Erwachsenen gegenüber zu öffnen. „Untereinander reden sie viel mehr. Wir wissen, wie viel die Kinder schon können, aber so ein Test ist nicht geeignet, das zu zeigen. Das ist schade.“
Nagelschmitz’ Befürchtungen bestätigten sich in der Turnhalle tatsächlich. Der noch dreijährige Kevin (alle Namen der Kinder sind geändert) hat nicht mitspielen wollen und zu den Fragen nur den Kopf geschüttelt. Ramil wollte lieber von seinem Lieblingstier erzählen statt von den Tieren, die in der Frage vorkamen. Nach der zweiten von vier Runden wurden die etwas lebhafteren Kinder außerdem unruhig und redeten den langsameren, ruhigeren schon mal dazwischen. „Es wäre vermutlich besser, wenn wir über längeren Zeitraum die Kinder beobachten und bewerten könnten statt so punktuell“, befand Seyfried. Es hätten so viele Dinge Einfluss auf die Tagesleistung der Kinder. „Kevin ist zum Beispiel derzeit krank, er redet sonst viel mehr.“
Mit der heißen Nadel
Die Erfahrungen in Pfalzdorf decken sich mit denen von Norbert van de Sand, Leiter der Grundschule Kalkar. „Der Altersunterschied macht sich stark bemerkbar“, bilanzierte er nach den Tests in seinem Zuständigkeitsbereich. „Ich finde die Sache grundsätzlich gut, aber es ist doch alles etwas mit der heißen Nadel gestrickt. Wir machen mit sehr viel Aufwand die Tests, aber wie die Kinder anschließend gefördert werden sollen, weiß noch keiner. Dabei müssten die Erzieherinnen jetzt schon geschult werden, sonst vergeht wieder viel zu viel Zeit.“
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