Kleve: Mehr als Schall und Rauch
VON THOMAS CLAASSEN - zuletzt aktualisiert: 10.11.2006Kleve (RPO). Nach 68 Jahren sind sie nicht mehr (sichtbar) namenlos, die Juden aus Kleve, die von den Nazis verschleppt und ermordet wurden. Gestern Nachmittag, gestern, am 9. November: Gedenkfeier am Synagogenplatz.
Es sind Momente, Augenblicke nur. Gerade haben Mädchen und Jungen der Karl-Leisner-Schule 59 Namen vorgelesen. Die 59 Namen der Klever, ganz jungen und alten, die in den Gaskammern der braunen Deutschtümler umkamen. Gerade hat sich Stille über den Platz gelegt – da ertönt in der Ferne ein Martinshorn. Kommt langsam, langsam näher, bevor es verstummt. Ein Gefühl macht sich breit, dass beides zusammengehört: die Namen, die Lebensgeschichte der Ermordeten – und dieser Ton. Ein Moment nur, bevor „Ahava“, der Chor der Jüdischen Gemeinde Duisburg-Oberhausen-Mülheim, sein „Alleluja“ anstimmt.
Das Kaddisch
Erstmals seit 1938 wurde gestern in Kleve wieder das Kaddisch gesprochen – eines.
Das Kaddisch ist eines der wichtigsten Gebete im Judentum, ein Heiligungsgebet (von kadosch, heilig).
Besonderheit: Es darf nur gesprochen werden, wenn ein Minjan (also zehn erwachsene Juden) anwesend ist.
Und das war gestern erstmals seit 1938 wieder der Fall.
Zuhörer beeindruckt
Die Zuhörer – es sind viele gekommen an diesem Herbsttag, der unangenehm kalten Wind über den Synagogenplatz an der Burg scheucht – sind beeindruckt. Lauschen, schweigen. Lassen die Gedanken streifen. Maria Diedenhofen von der niederländisch-deutschen Arbeitsgruppe „Nachbarn ohne Grenzen“, Bezug nehmend auf die Namen, die (jetzt endlich) auf dem Denkmal stehen: „Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist. Ein Name ist mehr als Schall und Rauch.“ Und dann erläutert sie, welch besondere Bedeutung dem Namen im jüdischen Glauben zukommt. Unter denen, die zuhören, ist auch Rabbiner Schapiro aus Nimwegen. Er wird wenig später ein Gebet sprechen, dessen hebräischer Text den meisten Zuhörern verschlossen bleibt – bis, ja, bis sie Namen heraushören. Auschwitz, Theresienstadt, Treblinka. Übersetzung . . . nicht mehr nötig. Kleves Bürgermeister Theo Brauer machte deutlich: Er freue sich darüber, wie viele Besucher zum um Synagogenplatz gekommen seien. Erinnerte daran, dass von den 150 Menschen jüdischen Glaubens, die vor der braunen Machtergreifung in Kleve lebten, jede(r) dritte Opfer der „Endlösung“ wurde. „Endlösung“ – dieses Wort, das den Tod für die vierjährige Hannelore Leffmann ebenso bedeutete wie für die 68-jährige Dorothea Balizani. Brauer: „Erst, wenn man die Namen nennt, wird einem richtig bewusst, wie viele Menschen der Gewalt zum Opfer fielen.“ Und dann erläutert er, dass der Rat beschloss, die Namen aller Getöteten „öffentlich festzuhalten. Wir schämen uns der Vergangenheit – aber wir verleugnen sie nicht.“
Namen verlesen
Karl-Leisner-Kinder verlasen die Namen, sie machten tanzend sichtbar, wie man ein- und ausgrenzt. Maria Diedenhofen und Frits Gies fassten das Entsetzliche „jener Zeit“ in Verse. Der Stimmung, die sich über den Platz legte, trotz allen hör- und riechbaren Verkehrsgewimmels an der Reitbahn, konnte sich niemand entziehen. Als der Chor dann Frieden wünschend „Auf Wiedersehen“ sang, winkten viele Gäste zurück. Auf das es so ein Wiedersehen geben wird.
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