Kleve: Milchbauern schäumen über
VON F. SCHUBERT UND S. LATZEL - zuletzt aktualisiert: 10.04.2008Kleve (RPO). Stimmung fast auf dem Nullpunkt: Bundesverband Deutscher Milchviehhalter macht für einen Lieferboykott im Sommer mobil. Erzeuger sicher, dass Verbraucher die Forderung nach fairen Preis akzeptieren.
Die Milch macht’s. Aber was ist, wenn keiner mehr Milch macht ? Der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM) ist entschlossen, das auszuprobieren. Bei den Mitgliedern ist die Stimmung noch nicht ganz, aber fast auf dem Nullpunkt. Gut 60 trafen sich Dienstagabend in der Niederrheinhalle, gestern waren die Mitglieder aus der Umgebung von Rees, Emmerich und Kleve nach Isselburg eingeladen. Die Verantwortlichen informierten über den Stand den Dinge bei den Preisverhandlungen. Und über die Vorbereitungen zu einer noch nie dagewesenen Aktion: Lieferboykott.
Flexible Mengensteuerung
Bei einigen ist die Wut schon so groß, dass die Milch überschäumt und sie lieber heute als morgen in einen Streik treten würden. Andere sind wirtschaftlich noch nicht so weit unter Druck, haben auf ihren Höfen aktuell wichtige Arbeiten vor der Brust. Aber das wird sich ändern, wenn im Sommer die Rechnungen kommen, ist Karl-Josef Vermöhlen vom BDM überzeugt. Geradezu leidenschaftlich wirbt er dafür, jetzt schon den Boden zu bereiten, um im Sommer flächendeckend die Aktion zu starten.
Hintergrund ist einerseits der Milchpreis: Mit Erlösen um 25 Cent je Liter, wie sie in Norddeutschland Realität seien, könne bei Produktionskosten um 50 Cent keiner überleben, sagt der BDM. Andererseits will er den Boykott nutzen, mit einer flexiblen Milchmengensteuerung das derzeitige System komplett zu drehen. Ziel: mehr Macht für die Erzeuger, die sich weniger von Molkereien und Handel unter Druck gesetzt sehen als vielmehr von global agierenden Konzernen wie Danone oder Nestlé. In Billigländern gibt es bereits Anlagen mit mehreren zehntausend Stück Milchvieh.
Landwirt Elmar Hannen aus Kleve fordert: „Wir müssen der Molkerei sagen, was wir haben müssen. Die sagt uns dann, wie viel Milch der Markt zu dem Preis verträgt, und entsprechend regelt sich die Menge.“ Hannen ist sicher, dass die Forderungen der Milchbauern in der Bevölkerung auf Verständnis stoßen. Deshalb wolle der BDM mit positiv besetzter Öffentlichkeitsarbeit in den Kampf ziehen. Hannen möchte auch die „Solidarität“ zu betonen. Milchbauern, die nicht dem BDM angehören, sollen nicht ausgeschlossen, sondern vielmehr zum Mitmachen bewegt werden. „Die Streikbereitschaft ist auch unter den Nichtmitglieder hoch“, ist sein Eindruck.
75 Prozent der Mitglieder müssten einem Streik zustimmen, der dann voraussichtlich im Juni oder Juli stattfinden würden. Dann tue ein Streik nämlich besonders weh. Natürlich falle es keinem Landwirt leicht, seine Milch einfach wegzuschütten. „Aber wir haben einfach keine andere Wahl, wenn wir uns wehren wollen“, sagt Hannen. Im Kreis kleve gibt es rund 600 Milchbauern. 150 von ihnen sind im BDM organisiert.
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