Moers: Atlantis liegt in Moers
VON ANJA KATZKE - zuletzt aktualisiert: 18.01.2010 - 16:33Moers (RPO). Nach der Premiere im Ringlokschuppen Mülheim präsentierte das Regiegespann "Kainkollektiv" seine Inszenierung "Altneuatlantis" jetzt erstmals in der Theaterhalle. Das Publikum erlebte ein kritisches Stück über Demokratie.
Was haben Leni Riefenstahl, Sokrates, Mozart und diverse Anleihen beim Blockbuster "Star Wars" gemeinsam? Sie dienen dem Regietrio von "Kainkollektiv" als Mittel zur Dekonstruktion von Utopie und Mythos. Und es gelingt: Alexander Kerlin, Mirjam Schmuck und Fabian Lettow bringen mit ihrem selbst erarbeiteten Stück "Altneuatlantis" nicht nur eine bildgewaltige und aktionsreiche Inszenierung auf die weitläufige Bühne in der Theaterhalle am Solimare in Moers.
Über den Zerfall des Staates
Auf der Suche nach der Utopie Atlantis hinterfragen sie politische Werte wie Freiheit, zersetzen Staat und Demokratie und kommen zur Erkenntnis, dass das vermeintliche Ideal dem kriegerischen Untergang geweiht ist. Am Ende ist die Bühne ein Schlachtfeld aus zertrümmerten Steinen, roten Pfützen und Erdhaufen, durch die degenerierte Wesen zitternd herumlaufen. Auf die Wand im hinteren Teil der Theaterhalle werden bedrohliche Bilder gebeamt, die ebenfalls vom Zerfall erzählen: Schatten von überdimensionierten Würmern und Käfern. Und wer will, kann Parallelen zur heutigen Demokratie ziehen.
Die Inszenierung basiert auf zwei Texten Platons, in denen er die Insel Atlantis beschreibt, reich an Rohstoffen, fruchtbaren Ländern und Naturerzeugnissen, die später als die versunkene Stadt für Legendenbildungen sorgte. Darauf aufbauend entwickelte das Regiegespann ein nicht immer leicht zu verdauendes Theaterstück, das bereits im Foyer seinen Lauf nimmt: Inmitten der auf Einlass wartenden Zuschauer zürnt Sokrates über den Zerfall des Staates, bevor er das Publikum zu den Plätzen führt. Dort nimmt es an einem merkwürdigen Bankett teil, das szenisch wie das letzte Abendmahl anmutet, an dem aber befremdende Gestalten teilnehmen, die "Star Wars"-Masken tragen. Das Regietrio hat sich nicht nur ambitioniert ans intellektuelle Werk gemacht, sondern beweist auch zart keimenden Humor und einen feinen Sinn für Slapstick.
Wenn die Schauspieler unter den Masken versuchen, den Rotwein hinunter zu kippen, und zur Kantinen-Musik aus Star Wars alles daneben schütten, dann darf auch gelacht werden. Die Inszenierung lebt von dem sechsköpfigen Ensemble, das ausschließlich aus Multitalenten zu bestehen scheint. Nicht nur schauspielerisch als Einzelner oder im Chor sind Julia Dillmann, Randolpf Herbst, Andreas Maier, Rasmus Nordholt, Mirjam Schmuck und Anna Weißenfels präsent. Sie spielen Klavier, E-Gitarre, Akkordeon und Schlagzeug und beweisen mit Mozarts Requiem, dass sie herrliche Stimmen haben. Die Inszenierung spielt mit den Möglichkeiten, um Stimmungen zu erzeugen: Tröpfelnde, knisternde und knarzende Klänge kommen aus dem Hintergrund. Lichtspiele, von Nils Voges live an die Wand gebeamt, sorgen für einen Überfluss an sinnlichen Angeboten. Ach ja, und dann begegnete das Publikum auf dem Tauchgang nach Atlantis auch noch Leni Riefenstahl, Hitlers Lieblingsfilmerin, die ein Plädoyer für den Schutz der Korallenriffe abliefert und erklärt, warum Bilder ohne Kommentare schöner sind.
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