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Moers: Atombomben in Algerien

zuletzt aktualisiert: 15.03.2010

Moers (RPO). Interview mit Amar Azzoug, dem aus Algerien stammenden Vorsitzenden des Bunten Tisches Moers, über die Atombombenversuche der Franzosen in den 60er Jahren.

Janna Anzorova und Vorsitzender Amar Azzoug vom Vorstand des Vereins Bunter Tisch Moers. Azzoug arbeitet im Bürgerbüro MaJo.  Foto: RPO
Janna Anzorova und Vorsitzender Amar Azzoug vom Vorstand des Vereins Bunter Tisch Moers. Azzoug arbeitet im Bürgerbüro MaJo. Foto: RPO

Am 13. Februar 1960 genau um 7.04 Uhr zündete das französische Militär in der algerischen Sahara eine Atombombe. Ihre Sprengkraft ist drei mal so groß wie in Hiroshima. Die Hitze der Explosion verwandelt den Wüstensand in Glas. 50 Jahre danach, im Januar 2010, hat Frankreich ein Gesetz eingebracht, um die Opfer zu entschädigen. Bis 1966 zündeten die Franzosen 16 weitere Atombomben in Algerien, drei davon oberirdisch. Mit dem gebürtigen Algerier Amar Azzoug, dem langjährigen Vorsitzenden des Bunten Tisches Moers, sprach RP-Redakteur Heribert Brinkmann.

Die Atomversuche in Algerien sind erst jetzt in Deutschland bekannt geworden. Wann haben Sie davon erfahren?

Info

Amar Azzoug

Amar Azzoug, geboren 1959 in der nordalgerischen Stadt Blida, 50 Kilometer westlich der Hauptstadt Algier. Dort aufgewachsen bis zum Abitur. Im November 1977 nach Deutschland gekommen, um in Düsseldorf Nachrichtentechnik zu studieren. 1981 nach Moers gezogen, von 1992 bis 2009 in der Flüchtlingshilfe der evangelischen Kirchengemeinden Moers gearbeitet. Am 13. Februar 1993 den Verein Bunter Tisch Moers mitgegründet.

Azzoug Ich selber bin Jahrgang 1959. Als Kind habe ich nichts davon gewusst. Zum ersten Mal habe ich in den 70er Jahren davon erfahren. Wir waren damals junge, links orientierte Leute, die der Bewegung blockfreier Länder anhingen. Sie müssen wissen, dass Algerien erst 1962 frei wurde. Vorher zählte Algerien zu Frankreich. Von 1954 bis 1962 tobte der Algerienkrieg im Lande. Die Atombombenversuche wurden von der französischen Regierung geheim gehalten, selbst die zivilen Franzosen in Algerien wussten nichts. Und da Franzosen und Eingeborene in zwei verschiedenen Welten lebten, war bei den Algeriern lange nichts darüber bekannt.

Die Atomversuche waren bis heute kein Thema?

Azzoug Doch, in Algerien weiß man natürlich seit langem bescheid. Im Fernsehen und in den Zeitungen wurde darüber berichtet. Vor zwei Wochen gab es zu diesem Thema ein Kolloquium in Algier. Der Druck auf Frankreich steigt. Es ließ sich ja auch nicht mehr verheimlichen, dass die Gegend bis heute immer noch verstrahlt ist, die Zahl der Krebserkrankungen und Missbildungen im Südosten außergewöhnlich hoch war.

Wo genau war das Testgelände der Franzosen?

Azzoug Das Testgelände bei Reggane liegt in der Sahara im Südosten des Landes. Dort verläuft die Gebirgskette Tassili n'Ajjer. Dort hat übrigens der deutsche Afrikaforscher Heinrich Barth 1850 prähistorische Felsmalereien und andere 6000 Jahre alte archäologische Fundstätten entdeckt. Die Bewohner des Berglandes sind Tuareg, also Berber. Ein Großteil der Gebirgskette und der sie umgebenden Wüste sind heute ein Nationalpark und Biosphärenreservat, seit 1982 sogar Unesco-Weltkulturerbe. Was die Algerier erbost, ist die Tatsache, dass die Franzosen bis heute keine genauen Pläne oder Landkarten zur Verfügung gestellt haben.

Die algerische Regierung weiß also nicht genau, wo und was passierte?

Azzoug Ja das ist so. Es geht aber nicht nur um Informationen, sondern auch um die Geste. Bis heute haben die Franzosen in Algerien jede Aufklärung und Entschuldigung vermissen lassen. Vielmehr steht Algerien heute auf der schwarzen Liste für Länder mit Terrorgefahr, die auf Flughäfen in Frankreich, England und den USA gültig ist. In den 60er Jahren hat man aber auch wenig gewusst. So sollen die Franzosen versucht haben, mit Flugzeugen den Atompilz nach Mali abzudrängen. Die Kontaminierung der Wüste ist für Algerien ein Damoklesschwert. Es gibt auffallend viel Krebs und Diabetes. Wenn die Franzosen jetzt ein Gesetz für Wiedergutmachung beschließen, gilt das für französische Militärs und Zivilisten, nicht für Algerier. Die französischen Soldaten, die damals im Einsatz waren, haben einen Verein gegründet. Direkte Überlebende gibt es ja heute kaum noch.

Was hat die Schwarze Liste mit den Atombombenversuchen zu tun?

Azzoug Der Südosten Algeriens ist grenzüberschreitend mit Mauretanien, Mali und Niger das Operationsgebiet von Al Qaida Maghreb. Auch hier hört man ab und zu davon, wenn mal wieder Touristen in der Wüste entführt und als Geisel genommen werden. Ich halte es wirklich für eine ärgerliche Doppelmoral, wenn die westlichen Politiker verkünden, mit Terroristen werde nicht verhandelt, dann aber sofort ihre Staatsbürger mit Geld freikaufen. So haben gerade die Franzosen Druck auf Mali ausgeübt, um Gefangene freizulassen. Was man aber hier gar nicht weiß, dass es sich bei den Kämpfern dort unten um organisierte Verbrecher handelt. Es handelt sich bei Al Qaida Maghreb nicht mehr um eine politische Kraft. Das sind zwar in der Mehrzahl ehemalige GIA-Kämpfer, eine Abspaltung der FIS (heute Al Qaida Maghreb), die junge arme Leute mit Geld anlocken. FIS bedeutet Islamische Heilsfront, es handelt sich dabei um Fundamentalisten, die 1991 die Parlamentswahl gewannen und eine Islamische Republik anstrebten, aber vom Militär verdrängt wurden. Seitdem kämpften sie aus dem Untergrund gegen den Staat. Dabei kamen rund 50 000 Menschen ums Leben. Die Jahre von 1991 bis 2000 werden in Algerien auch als das schwarz Jahrzehnt bezeichnet. Das Auswärtige Amt in Berlin warnt heute insbesondere vor Reisen nach Südalgerien, besonders in die Gegend der Stadt Tamanrasset, wo Al Qaida gezielt Deutsche als Entführungsopfer suche.

Wie sieht heute die politische Lage aus?

Azzoug Nach der Unabhängigkeit 1962 startete Algerien als eine "Demokratische Volksrepublik". Gamal Abdel Nasser war der große bewunderte Bruder. Der damalige Staatschef Ben Bella stand für eine sozialistische Politik mit Unterstützung von Moskau, gleichzeitig wurden die wirtschaftlichen Beziehungen zu Frankreich weiter gepflegt. 1988 kam der Zusammenbruch, das Volk hat rebelliert. Algerien hat ein Mehrparteiensystem, seit zehn Jahren wird eine "Nationale Aussöhnung" versucht, die ehemalige Terroristen wieder einbinden will. 2009 wurde Staatspräsident Abdelaziz Bouteflika für eine dritte Amtszeit wiedergewählt. Algerien ist reich an Bodenschätzen, doch das Volk hat bisher nicht direkt davon profitiert.

Wie ist heute das Verhältnis zur ehemaligen Kolonialmacht Frankreich?

Azzoug Es ist eine Art Hassliebe. Vor 30, 40 Jahren waren die Wunden zu frisch. Alles Westliche, Europäische wurde verbannt. Heute ist eine Annäherung wieder leichter möglich. Wobei die Algerier nicht wissen, wo sie hingehören. Da gibt es die afrikanische Linie, die arabische Liga und den Mittelmeerraum mit der Nachbarschaft zur EU. Dazu kommt der Islam. In der Geschichte des Landes gibt es viele verschiedene Einflüsse. Die Phönizier und Römer haben an der Küste gesiedelt, später kamen die Araber, Osmanen, Spanier und Franzosen. Ureinwohner sind die Berber. Sie heißen Amazigh, freie Menschen. Die Berber sind eines der gastfreundlichsten Völker. Heute kommt für die Identität der Algerier die Amarizität der Ureinwohner hinzu. Diese Mehrgleisigkeit der Algerier von heute sehe ich als eine Bereicherung an, sie bedeutet Offenheit in Richtung Weltbürgertum.

Algerien spielt bei der Fußball-WM mit. Wie wird die algerische Elf abschneiden?

Azzoug Sie ist immer für Überraschungen gut. Sie hat gute Spieler, die aber noch nicht zu einer Mannschaft zusammengewachsen sind. Für Südafrika traue ich ihnen alles und nichts zu.

Quelle: RP

 
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