Moers: Ausreise rückwärts
VON HERIBERT BRINKMANN - zuletzt aktualisiert: 26.06.2010Moers (RPO). Eine vierköpfige Moerser Familie kehrt am Dienstag in ihre ursprüngliche Heimat Kasachstan zurück. Die drei Jahre in Deutschland waren geprägt durch Sprachschwierigkeiten, bürokratische Hürden und Desinteresse.
Ludmilla Burg (alle Namen geändert, auch ein Foto war nicht gewollt) erzählt beim Treffen beim Bunten Tisch ihre Geschichte. Nichts deutet darauf hin, dass sie auf bereits gepackten Koffern sitzt. Ihr Sohn Alexander wuselt durch den Raum. Nächste Woche wird er wieder in Kasachstan zur Schule gehen müssen.
Auch wenn der deutschstämmige Vater Ivan Burg heute einen deutschen Pass hat, wird er wieder nach Kasachstan zurückgehen, sozusagen die Ausreise von der Ausreise des Spätaussiedlers. Amar Azzoug, Vorsitzender des Bunten Tisches und viele Jahre in der Flüchtlingsberatung der evangelischen Kirche tätig, sieht den Wegzug der Moerser Familie nicht als Einzelfall. Immer mehr Spätaussiedler, die mit hohen Erwartungen, aber oft mangelnden Deutsch-Kenntnissen nach Deutschland kamen, wollen zurück. Es handelt sich meistens um Spätaussiedler aus den ehemaligen GUS-Staaten. Inzwischen hat sich in Moers vom Bunten Tisch unterstützt ein loser Kreis von Spätaussiedlern gebildet, der andere berät und weiterhilft – aber auch Rückkehrwillige unterstützt. Inzwischen bieten der Verein "Heimatgarten" bundesweit Hilfe bei der freiwilligen Rückkehr an. Doch offizielle Zahlen bundesweit gibt es noch nicht. Die Rückkehrwilligen wurden bisher nicht erfasst.
Zeugnisse nicht anerkannt
Die 30-jährige Ludmilla, eine gebürtige Russin, hat in Kasachstan eine Ausbildung zur Buchhalterin gemacht, zuletzt aber als Verkäuferin gearbeitet. Ihr 37-jähriger Mann Ivan war Kaufmann und zuletzt Manager in einem Logistikunternehmen. In Deutschland hat er sich zuerst mit 1-Euro-Jobs durchgeschlagen, heute hat er einen Arbeitsplatz in den Niederlanden. Er steht jeden Tag um 3 Uhr auf und ist erst gegen 21 Uhr wieder in Moers bei der Familie. Ludmilla hat am Anfang sechs Monate Deutschkurse besucht. Dann war Schluss. Weil ihr Mann Arbeit hatte, sollte sie weitere Kurse selber bezahlen. An den mangelnden Sprachkenntnissen scheiterte immer wieder die Suche nach einem Arbeitsplatz.
Auch ihre Freundin Natascha haut in die gleiche Kerbe. "Wir wollen uns integrieren und die Sprache lernen. Aber es klappt nicht." Die Hoffnung auf ein besseres Leben für die Kinder haben viele bereits wieder aufgegeben. Verwandte, die bereits 20 Jahre in Deutschland sind, zeigen wenig Verständnis für die Pläne der Nachzügler. Ludmillas Verwandte leben in Süddeutschland, ihr wurde Moers zugewiesen. Lange hatte sie Angst, überhaupt hallo zu sagen, weil sie die Antworten nicht verstand. Als ihr Sohn ins Krankenhaus musste, brauchte sie eine Dolmetscherin. Der Frust bei vielen Spätaussiedlern sitzt tief. Viele von ihnen sind gut ausgebildet, sind Lehrer, Ingenieure, doch die Zeugnisse werden nicht anerkannt. So können sie nicht in ihren alten Berufen arbeiten. Stattdessen "dürfen" sie als Reinigungskraft jobben. Es kommen talentierte Menschen, sagt Natascha, die in Deutschland umgeschult oder arbeitslos werden. Am schlimmsten für sie ist, dass ihre Schicksale vielen Deutschen "völlig egal" seien. Unter den russischen Familienangehörigen der Spätaussiedler grassiert noch eine andere Angst: In den asiatischen Nachfolgestaaten der Sowjetunion würden ganze ethnische Gruppe nach Hause geschickt, eben auch Deutschstämmige. In Russland wurde von Putin bei Omsk schon eine neue "deutsche Stadt" gegründet.
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