Moers: Das Alter mutig angehen
VON HERIBERT BRINKMANN - zuletzt aktualisiert: 07.06.2007Moers (RPO). Der Bremer Alt-Bürgermeister Henning Scherf ist 68 und kein bisschen leise. In der Zentralbibliothek las er vor 200 Zuhörern aus seinem Bestseller „Grau ist bunt“. Der protestantische SPD-Mann fordert mehr Eigeninitiative.
Sein Zug ging um 22.13 Uhr am Duisburger Hauptbahnhof. Jede Menge Zeit also, glaubten Henning Scherf und die 200 Zuhörer der ausverkauften Lesung der Buchhandlung Spaethe in der Zentralbibliothek. Am Ende wurde es noch knapp, die Zeit war mit Lesen, Erzählen und Diskutieren wie im Fluge vergangen. Der groß gewachsene Scherf zwängte sich vor der Lesung durch die Stuhlreihen, um allen, die er noch nicht draußen vor der Bibliothek begrüßt hatte, die Hand zu schütteln. Dabei wirkte er nicht wie ein alberner Grüßonkel, sondern wie ein charmanter Gastgeber. Für alle, die ihn verpasst haben, ein Trost: Er kommt im Oktober zur Sparkassen-Universität wieder nach Moers. Dass er gestern in Moers lesen konnte, ist dem Evangelischen Kirchentag geschuldet – Scherf führt mit den Verantwortlichen Gespräche, weil er für 2009 den Kirchentag in Bremen organisiert.
„Grau ist bunt“
Henning Scherf: Grau ist bunt. Was im Alter möglich ist. 3. Auflage 2007, 191 Seiten, Herder Verlag Freiburg, ISBN 978-3-451-28593-6, 19,90 Euro. Henning Scherf, geboren am 31. Oktober 1938 in Bremen, ist promovierter Jurist. Er war von 1995 bis 2005 Bürgermeister und Präsident des Senats der Freien Hansestadt Bremen. Von 1971 bis 1978 war Scherf Mitglied der Bremischen Bürgerschaft, von 1978 bis 2005 Mitglied der Landesregierung.
„Schwarzmaler“ Schirrmacher
Bremen – dort wurde er 1938 geboren, dort wirkte der protestantische Sozialdemokrat 34 Jahre in der Politik, zuletzt zehn Jahr als Bürgermeister. In Bremens Innenstadt lebt er seit 1988 in einem Mehrparteienhaus mit einer achtköpfigen „Alten-WG“. Wie das funktioniert, interessiert bei seinen Lesungen die Zuhörer immer am meisten. Aber er ist auch selbstkritisch genug, um seine Art, das Altern zu meistern, als Königsweg darzustellen. Bewusst nannte er sein Buch, das mit Hilfe zweier Journalistinnen entstand, „Grau ist bunt“, es gibt viele verschiedene Möglichkeiten. Seit sieben Monaten steht das Buch auf der Bestsellerliste – Schröders Memoiren hatten das nur drei Wochen lang geschafft. Die Auflage von bis jetzt 100 000 Büchern reiche aber noch nicht an „Methusalem-Komplott“ von „Schwarzmaler“ Frank Schirrmacher mit 450 000 heran. In Moers sind etliche Scherf-Bücher über die Theke gegangen.
Bescheiden schränkt Scherf ein, der Bestseller sei nicht sein Erfolg, sondern das Thema schwimme auf einer großen Welle. Das Alter sei als Angst- und Panik-Thema besetzt, er dagegen will Mut machen , selber die Initiative zu ergreifen: „Ich bin einer, der das Alter gestalten will.“ Mit frischen Ideen will er die Silberhaarigen hinter dem Ofen hervorlocken.
Als Kind hat er von einer Dreigenerationen-Familie unter einem Dach profitiert. Heute, selber mehrfacher Großvater, probiert er andere Formen des Zusammenlebens aus. Und noch viel wichtiger, Formen des Engagements. Er gab sein politisches Amt auf und engagiert sich weiter in der Zivilgesellschaft. Auch der Erlös der Lesung geht an ein Kulturprojekt in Nicaragua, für das sich das Ehepaar Scherf einsetzen. Rentner hängen den Job an den Nagel, nicht aber ihr Leben, heißt die Devise, die über diese Lesung hinauswirken wird.
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