Moers: Das Profil der VHS schärfen
zuletzt aktualisiert: 16.02.2009Moers (RPO). Mit der neuen VHS-Leiterin Silke Reck über Chancen und Wandel der Volkshochschule im 21. Jahrhundert. Neu sind Philosophisches Café und eine VHS-Akademie.
Das neue Semester der Volkshochschule Moers - Kamp-Lintfort steht auch für eine neue Leitung. Mit Silke Reck, der neuen VHS-Leiterin, sprach RP-Redakteur Heribert Brinkmann.
Frau Reck, vor Moers haben Sie die VHS in Crailsheim geleitet. Was bewog Sie, aus dem schönen Franken an den platten Niederrhein zu kommen?
RECK Das Frankenland in Baden-Württemberg an der Grenze zu Bayern ist in der Tat ein schönes Urlaubsland mit hügeliger Natur, das auch kulinarisch viel zu bieten hat. Mein Mann, ein Westfale aus Hamm, und ich ziehen das Flachland mit weitem Horizont vor. Der wirkliche Grund für meinen Wechsel liegt woanders: Nach meinem Frankreich-Jahr war Crailsheim meine erste Station in der Welt der Volkshochschulen. Nach sechs Jahren spürte ich jetzt das große Bedürfnis, mich beruflich zu verändern.
Silke Reck
Silke Reck ist 43 Jahre alt und war zuvor sechs Jahre lang Leiterin der VHS in Crailsheim (Kreis Schwäbisch Hall/Baden-Württemberg). Berufliche Erfahrung sammelte sie unter anderem als Lektorin für deutsche Sprache, Literatur und Landeskunde an der Wirtschafts- und Managementhochschule HEC in Paris.
Ihr Studium an der Freien Universität Berlin schloss sie in den 90-er Jahren in den Fächern Germanistik, Romanistik und Philosophie mit der Note "sehr gut" ab. Silke Reck tritt die Nachfolge von Dr. Bernhard Schmidt an, der Ende Mai in Pension ging.
Welche Unterschiede gibt es zwischen beiden VHS?
RECK Crailsheim hat 36 000 Einwohner, Moers etwa drei Mal so viel. So ist auch die Volkshochschule etwa drei Mal so groß. Während meiner Crailsheimer Zeit habe ich in Ludwigsburg Bildungsmanagement als Aufbaustudium studiert. Die meisten VHS-Leiter sind ja keine Spezialisten für diesen Job. Meistens sind es Generalisten, die zum Beispiel als Geisteswissenschaftler, Lehrer ohne spezielle Praxiskenntnisse in diese Aufgabe kommen. Meine neuen Kenntnisse möchte ich jetzt in Moers einbringen.
Sie sind jetzt seit Oktober in Moers. Welche Erfahrungen haben Sie dabei an der VHS gemacht?
RECK Ich geriet ganz unschuldig in eine Riesenbaustelle. Seit Oktober gab es bei neun von rund 25 Mitarbeitern entweder Stellenwechsel oder Änderungen im Stellenzuschnitt. In Crailsheim hatte ich zwei Wechsel in sechs Jahren. Hier neun in einem halben. Durch Ruhestand und internes Nachrücken wurde dieser Domino-Effekt ausgelöst. Aber zusammen mit der Personalabteilung der Stadt hat die gesamte Mannschaft in der VHS diesen Umbruch im Hause gut hinbekommen.
Welche Neuheiten darf der VHS-Nutzer draußen denn erwarten?
RECK Eine neue Leiterin bedeutet keinen kompletten Umbruch. Der Kanon in den fünf, sechs Fachbereichen sorgt zwangsläufig für Kontinuität. VHS bedeutet Bildung für alle, sie soll den ganzen Menschen abdecken. Wie ich es erwartet habe, sind wir an der VHS Moers - Kamp-Lintfort da gut aufgestellt. Ich möchte aber das Profil der VHS in der Öffentlichkeit schärfen. Ein breites Angebot führt leicht zum Eindruck von Gleichförmigkeit. Dem sollte man mit Themenschwerpunkten entgegen wirken. Für das Herbstsemester richten wir einen Fokus auf Istanbul. Die Stadt am Bosporus ist ja neben Ruhr2010 ebenfalls Europäische Kulturhauptstadt.
Viele verbinden mit VHS spöttisch Töpfer- und Batikkurse. Lassen Sie das so stehen?
RECK Volkshochschulen haben am Markt einen Bekanntheitsgrad von mehr als 90 Prozent. Das ist ein wunderbarer Wert. Dem steht leider immer noch ein nicht gerechtfertigtes Imageproblem entgegen. Es gibt immer noch Leute, die einen sehr eingeschränkten Blick auf das Angebot von Volkshochschulen haben. Dabei haben sich unsere Programme in den letzten Jahren ungeheuer professionalisiert. Ich wüsste außerdem nicht, was es an einer alten Kulturtechnik wie Töpfern auszusetzen gibt.
Wie sieht für Sie die VHS des 21. Jahrhunderts aus?
RECK Der Sektor der beruflichen Bildung wird an Bedeutung deutlich gewinnen. Volkshochschulen sind schon lange nicht mehr nur freizeitorientiert. Wir bieten berufliche Bildung – EDV, kaufmännisches Rechnen, Rhetorik oder Projektmanagement – auf hohem Niveau an. In einer sich schnell wandelnden Welt müssen sich immer mehr Menschen neues Wissen aneignen. Die Volkshochschulen bieten solche Inhalte für alle erreichbar, vor Ort und finanziell erschwinglich an.
Wird es in einer "Hochschule fürs ganze Volk" auch mehr Vorträge und Einzelveranstaltungen geben?
RECK Die VHS ist eine Hochschule für alle. Wir starten jetzt mit dem Philosophischen Café. Was in Gelsenkirchen gut funktioniert, warum soll das nicht in Moers gehen? Wer Schule, Ausbildung oder Hochschule absolviert hat, ist bei Bildung häufig auf sich gestellt. Da muss eine VHS einspringen. Wir werden ins Studium generale investieren. Im Herbstsemester werden wir in Kooperation mit anderen Volkshochschulen Dozenten aus Hochschulen zu Ringvorlesungen einladen. Bei einer VHS-Akademie können Erwachsene ihre Neugier und ihr Interesse in ein Mini-Studium einbringen.
Für die VHS ist zusammen mit der Bibliothek und dem Kulturbüro eine neue Bleibe geplant. Was verbinden Sie damit?
RECK Das Bildungszentrum soll ein Ort der Begegnung sein. Neben den Büros werden auch Kursräume und Vortragsräume moderne Bildungsmöglichkeiten bieten. Wegen der großen Menge an Kursen werden wir zum Beispiel mit den Sprachkursen jedoch weiterhin auch an den Schulen zu Gast sein.
Ist der zunehmende Ganztagsbetrieb der Schulen für die VHS nicht ein Problem?
RECK Nicht mehr. Wir haben gerade mit dem Grafschafter Gymnasium, das wir abends sehr stark nutzen, konstruktive Gespräche geführt. Durch die Reduzierung auf künftig acht Schuljahre muss das Gymnasium eine neue Pausenordnung einführen, die den Schulbetrieb länger in den Nachmittag schiebt. Da die VHS um 18 Uhr die Räume nutzt, kamen die Putzzeiten durcheinander. Mit mehr Flexibilität in der Raumnutzung haben wir das Problem gelöst.
Sie sind bisher viel umgezogen. Wie lange bleiben Sie in Moers?
RECK (lacht) Im Moment wohne ich noch in Eick. Zum 1. Mai ziehe ich in die Innenstadt. Dann reicht es auch. Ich habe keine Sucht, ständig umzuziehen. Mein Wechsel nach Moers ist auf Dauer angelegt. Ich fühle mich in Moers wohl, die Menschen sind sehr aufgeschlossen, ich habe in der VHS ein Superteam. Und meinem Mann gefällt Moers ebenfalls.
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