Moers: Der Running Gag Ein Schwarzes Schaf und die Komik aus dem Koffer Eine weltweite Verschwörung gegen schlechte Laune
VON HERIBERT BRINKMANN - zuletzt aktualisiert: 30.08.2010Moers (RPO). Die Vorlage zum "Running Gag" in der Comedy-Szene hat in diesem Jahr der Fernsehwetterfrosch Jörg Kachelmann höchstpersönlich geliefert. Die deutschsprachigen Künstler lieferten sich zumindest am Donnerstag und Freitag auf dem Comedy Arts Festival fast schon einen Wettstreit mit Kachelmann-Pointen und bösen Seitenhieben. Den Anfang machte Herbert Knebel am Donnerstag: "Kaum ist der Kachelmann auf freien Fuß, da wird das Wetter scheiße". Auch die Echse, gespielt von Michael Hatzius aus Berlin, die sich auch gerne mal frivol gibt, hatte ein paar Weisheiten zum Thema Liebe und Frauen parat: "Ich kenne da so einen Wetterfrosch, der hat nicht einmal gefragt, ob er darf. Da kachelt mann so rein." Für Nils Heinrich, der diesjährige Preisträger des Niederrheinischen Kabarettpreises "Das Schwarze Schaf", ist Jörg Kachelmann schuld daran, dass er am Freitag auf der Bühne frieren musste: "Der ganze Sommer ist hin, weil er einmal nicht die Hose zulassen konnte."
moers Nils Heinrich steht fassungslos auf der Bühne, pustet tief: Vor seinem Mund bildet sich ein silberfarbener Schleier: "Ich sehe meinen Atem! Er kondensiert! Es ist doch erst August", ruft er entsetzt ins Publikum. Es ist eine der kältesten Comedy-Arts-Nächte, die das Publikum in Moers je erlebt hat. Gefühlte zehn Grad sind es, als Nils Heinrich die Bühne am späten Freitagabend betritt. Doch der diesjährige Gewinner des Niederrheinischen Kabarettpreises "Das Schwarze Schaf" weiß genau, wie er das Publikum aufheizen kann: mit einer gesanglichen Stimmübung und einem kurzen Witz über seine Wahlheimat Baden-Württemberg, wo es jeden Tag Spätzle gibt, die aussehen wie dicke Maden. Eigentlich kommt er ja aus einem Land, das früher mal drüben hieß, also hier früher drüben hieß. "89 bin ich auf die Straße gegangen. Ich wollte exotische Südfrüchte essen, heute bin ich dagegen allergisch", erzählt Heinrich.
Artistik und fette Beats
Mit seiner Ein-Mann-Gitarren-Show beweist er an diesem Abend, dass Comedy intelligent und Kabarett witzig sein kann, vor allem dann, wenn er in seinen Erinnerungen an "früher drüben" kramt. Akne war da so ein Thema, Klerasil gab's ja nicht. "Meine Oma hat mir Spucke draufgeschmiert. Wissen Sie, wie das brennt: Rentner-Rotze mit Ost-Kukident." Damit landet Nils Heinrich einen Brüller und legt einen selbst getexteten, flotten Rap zur Laktose-Intoleranz und eine Erklärung dafür nach, warum Helmut Kohl so lange Kanzler war: "Wir haben euch den Kohl um acht Jahre verlängert – für nur 100 Mark." Trotz der Kälte wird der Abend doch noch gemütlich. Es ist einer dieser Comedy-Abende, an denen sich die Künstler unters Publikum mischen und zu Zuschauern werden.
Die Zirkustruppe "Los2Play", die mit einer atemberaubend-komischen Artistik-Mucki-Nummer den Auftakt macht, kriegt sich vor Lachen kaum ein, als Gregor Wollny, allerdings ohne den angekündigten Gegenpart Otto Kuhnle, der wegen eines Bandscheibenvorfalls absagen musste, Komik aus Koffer serviert, poetisch-verschmitzt und ganz ohne Worte. Visuelle Comedy nennt man so was. Gregor Wollny, zu erkennen an der Schlumpfmütze in Schwarz, braucht dazu nur ein paar kleine Requisiten: Aus dem Zollstock wird ein Hund, den er Gassi führt, dann ein Vogel, dann Flügel, die er sich selbst anschnallt. Es ist eine Show voller Zauberei-Mogelei und einer Feuerschlucker-Nummer, die in die Hose geht.
Für fette Beats sorgt das Duo Fanatix aus Berlin, das für die Australierin Judith Lanigan eingesprungen ist und HipHop-Akrobatik vom Feinsten zeigt. Ja, und dann ist da noch Ludger K., der als Moderator für das Lokalkolorit sorgt, das sich die Moerser wünschen. Der gebürtige Moerser, den es in die weite Welt nach Duisburg gezogen hat, kennt die Grafenstadt noch so, wie sie früher einmal war – als es zum Beispiel noch die Unterführung am Moerser Times Square, dem Königlichen Hof, gab. "Erinnert Ihr Euch noch an den Clochard mit Hund, der dort immer saß. Seitdem die Unterführung zugeschüttet wurde, habe ich ihn nie mehr gesehen." Dass er den Zuschauern ihre Unzulänglichkeiten als Spiegel vorhält, nimmt man ihm nicht übel: Es ist halt so, dass der Moerser seine Stadt gerne für größer hält, als sie tatsächlich ist.
MOERS Das Moerser Publikum ist – was den Lokalpatriotismus angeht – hart im Nehmen. Ausländische Künstler haben generell Schwierigkeiten, den Ortsnamen korrekt auszusprechen. Meist wird ein "Mooo-erz" draus. Und dann singt La Signora noch eine Hymne auf ihre Heimatstadt Oberhausen, und Emmi und Willnowsky trefen in der ersten Reihe ausgerechnet auf eine Zuschauerin aus Wesel. Der Zufall ist ein Esel und verschafft der Kreisstadt die Ehre, in einem Lied auf der Bühne verwurstet zu werden. Vielleicht doch ein Glück für Moers.
Modernes Clownstheater
Glück hatte das Moerser Publikum am Samstag allemal. Es regnete überhaupt nicht, es blieb trocken – nur nicht die Augen der Zuschauer. Denn zu lachen gab es jede Menge. Es begann grandios mit Barry und Iyonne als Tanzpaar Nummer 69. Mit schrägen Kostümen und "angetackertem Lächeln" wirbeln die beiden Briten über die Bühne. Aus dem Tanz wird leicht Akrobatik, doch dabei bleibt der Humor nie auf der Strecke. Ein Glücksfall, dass dieser Paso doble aus dem Tanzsaal verbannt wurde und auf die Bühne am Kastell gefunden hat. Der chilenische Künstler Francisco Obregon ist zum ersten Mal in Deutschland. Als Teatrapo tourt der 35-jährige Südamerikaner zusammen mit seiner Handpuppe durch Europa, bringt die grünhaarige Artista zum Tanzen und Singen. Leider ein bisschen dünn – das Programm. Ebenfalls über den großen Teich kamen Jason McPherson und Shelly Mia Kastner aus Kanada. Ihre Strange Comedy, inspiriert vom Cirque du Soleil, verbindet unglaubliche Illusionen, modernes Clownstheater mit Körper-Comedy. Unglaublich, wie man sich in einem schlichten Mantel mit Kleiderbügel verheddern kann, wie aus einer Klopapierrolle flugs der weiße Seidenschal des Fliegers wird, und unvergesslich die spanische Tänzerin mit drei Beinen. "Wir sind Intrmzzo aus Holland". Mit diesem Satz beginnt vor allen Songs jede Ansage der vier A-Capella-Sänger aus Amsterdam. Die vielseitigen Männer verzichten nicht ganz auf "Instrumente". So kommen gelegentlich auch Klobürsten und holländische Milchkännchen zum Einsatz. Ein Highlight des Abends: Die phantastischen vier Sänger stellen sich mit Stahlhelmen im Kreis auf und schlagen sich mit bunten Plastik-Röhren auf den Kopf – eine wundersame Melodie und herrliche Abrüstungsidee: Macht Helme zu Klangschalen. Zum Glück belassen sie es nicht bei einem kurzen Intermezzo. Aus ihrem Programm "Testosteron II" spendet die coole Gang vielfache Proben absurder Komik. Das Publikum reißt es erstmalig von den Sitzen. Doch den Höhepunkt zum Schluss am Samstag schaffen Emmi & Willnowsky, die alternde Diva und ihr angetrauter Pianist, ein nörgelnder "Newa-Nussknacker". Und diesen riesigen Welt-Humor-Bogen vom Ural bis zum Feuerland spannt als Moderatorin eine Nachbarin: La Signora alias Carmela de Feo aus Oberhausen. Mit acht Jahren erhielt sie ihren ersten Akkordeon-Unterricht, und das Akkordeon ist sie bis heute nicht losgeworden. Zum Glück, das Italo-Ruhrpott-Weib auf Männersuche hat Moers voll und ganz erobert. Da capo!
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