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Moers: Der Unruhestifter von Moers

VON SABINE JANSSEN - zuletzt aktualisiert: 20.07.2007 - 15:43

Moers (RPO). Die kleine Großstadt Moers am Niederrhein hat ein großes Problem: Um den Neonazi Kevin G. kommt es seit Jahren zu handfesten Konflikten. Jüngst verhinderte die Polizei eine Massenschlägerei mit 40 Türken. Die vorerst letzte Episode einer ewigen Geschichte um Gewalt und Rechtsextremismus.

Kevin G. auf einer Neonazi-Demo in Moers, Juni 2005. Er selbst hatte die Kundgebung - Titel: "gegen kriminelle Multikultur" - angemeldet.  Foto: RP/Krebs
Kevin G. auf einer Neonazi-Demo in Moers, Juni 2005. Er selbst hatte die Kundgebung - Titel: "gegen kriminelle Multikultur" - angemeldet. Foto: RP/Krebs

Es ist ein Kampf. Immerfort, immer wieder. Mal gegen Linke, mal gegen Türken. Mal ist es Randale in einer Moschee, mal ist eine Rechtsradikalen-Demo, mal ist es Krawall in einer Kneipe. Diesmal wäre es beinahe eine Massenschlägerei mit 40 Migranten gewesen. Immer mitten drin: Kevin G., 26 Jahre, Lagerarbeiter, unverheiratet, ein Sohn (Kevin), stadtbekannter Neonazi in der kleinen Großstadt Moers am Niederrhein, acht Mal vorbestraft unter anderem wegen Volksverhetzung, Körperverletzung, Hausfriedensbruchs, bislang immer wieder auf Bewährung.

Es ist immer Kevins Kampf, aber nicht immer ist er es, der ihn anfängt. Doch viele wissen, dass der 1,90-Meter-Hüne mit geschätzten 100 Kilo Masse in Rage und unter Alkoholeinfluss leicht zuschlagen kann - und provozieren ihn. In zehn Jahren hat sich der 26-Jährige einen Ruf als gewaltbereiter Neonazi „erarbeitet“ und ist zum Feindbild für Linke und Migranten geworden. „Es gibt so viele Gerüchte über mich. Immer werde ich als total aggressiv dargestellt“, klagt er. „Ich habe diesmal nichts getan.“

Proteste gegen eine Neonazi-Demonstration, Juni 2003: Auch türkisch-stämmige Migranten machten ihrem Unmut Luft. Foto: RP/Krebs

Mit dem Nichts-Tun ist es so eine Sache, weiß der Duisburger Polizeipressesprecher Achim Blättermann. „Er muss ja nicht handgreiflich geworden sein. Wenn man mich schief anguckt und sagt Sch...-Bulle. Da würde ich auch drauf anspringen“, sagt Blättermann. So oder ähnlich dürfte sich der Vorfall abgespielt haben, der sich an einem Freitagabend Ende Juni in einem Schnellrestaurant zutrug. Kevin und seine Freunde wollten in der Hamburger-Bräterei Essen bestellen, Ertan (19) und seine Freundin ebenfalls. Einer von Kevins Freunden habe einen Hitlergruß und Kevin habe den Mittelfinger gezeigt, sagt der Jung-Unternehmer, der sich nach eigenen Angaben so bedroht fühlte, dass er per Handy Verstärkung anforderte. Nach Tumulten kam die Polizei und nahm G. in Schutzgewahrsam.

"Wie Asterix und Obelix gegen die Römer"

Der Konflikt fand seine Fortsetzung, als G. ein Wochenende später nachts auf der Straße angegriffen wurde, und er gipfelte eine weitere Woche später in einem Belagerungszustand: 40 Migranten, teils mit Schlagstöcken und Eisenketten bewaffnet, versammelten sich vor Kevins Wohnung. Der seinerseits einen Baseballschläger nach den Belagerern warf und mit einem Verwandten auf die Menge zulief. „Ich kam mir vor wie Asterix und Obelix gegen die Römer. Nur dass ich meinen Zaubertrank vergessen hatte“, erzählt G. Die Polizei verhinderte die Massenschlägerei. Damit endet die vorläufig letzte Episode von „Kevin gegen den Rest der Welt“.

Bilanz der Polizei: acht bis zehn Strafanzeigen von Beleidigung über Körperverletzung bis Landfriedensbruch. Viele Beamten nervt so viel Aufwand um eine einzige Person. Früher lieferte sich G. Schlägereien mit Linken: bevorzugt freitags zu fortgeschrittener Stunde. Sie endeten mehr als einmal vor Gericht mit einer Anklage wegen Körperverletzung. Seit zwei Jahren ist Kevin G. mit Lisa befreundet. Lisa kommt aus dem „linken Lager“, ihre Freunde haben mit ihr gebrochen. Doch seitdem herrscht Waffenruhe. Die jüngste Schlacht läuft allerdings nach dem gleichen Schema „Provokation, Wortwechsel, Schlägerei“ ab wie eh und jeh. Nur der Gegner ist ein anderer.

Manche Polizisten halten das für „Besoffenenkram“. Auch Wilfried Albishausen vom Bund deutscher Kriminalbeamter hält die politische Dimension für zweitrangig: „Das ist kein Hochintellektueller im Hinterzimmer. Es gibt Leute, die brauchen Schlägereien als Bestätigung für ihr Ego. Die wollen sich interessant vorkommen, wollen provozieren. Die können rechts oder links sein.“ Ins Bild passt da auch die Einschätzung eines Polizisten vor Ort: „Wenn der nix getrunken hat, ist das ein netter Kerl“, sagte er über Kevin.

Konstante Figur in der rechten Szene

Andere geben den Ereignissen eine politische Dimension: „G. ist eine konstante Figur in der rechten Szene. Er schafft es immer wieder, junge Leute anzusprechen. Dieser Erlebnisklimbim mit Rechtsrock ist Teil der Neonazi-Szene.“ Dafür spricht, dass sich die Rechten aus Moers und Rheinberg als Kameradschaft im Internet präsentieren. An vorderster Front schreibt: Kevin G. Wer dort liest, wie er Türken mit Affen vergleicht, mag sich wundern, dass es nicht längst geknallt hat.

Wenn ein stadtbekannter Neonazi in einem Stadtteil mit 80 Prozent Ausländern wohnt, entwickelt das zwangsläufig eine ungesunde Eigendynamik. G. ist noch dazu nach eigenen Angaben „bekennender Nationalist“. Aus „Exit“, dem Aussteiger-Programm für Rechtsextreme, ist er schnell wieder ausgestiegen. Den skurrilen Widerspruch, dass ausgerechnet ein Halbitaliener gegen Ausländer wettert, löst G. mit Selbstbetrug: für Pizza, gegen Döner. Für den Psychologen Helmut Lukesch ein typischer Fall von Überidentifikation: „Jemand identifiziert sich mit der Gruppe, von der er fürchtet, ausgeschlossen zu werden. Deshalb will er wohl den Superdeutschen geben.“

Kevin G. will nach Ostdeutschland

Türkisch-stämmige Migranten finden das nicht lustig: G. sei ein „Unruhestifter“, sagt Ertan. Sie wollen, dass er den Stadtteil verlässt. Doch Selbstjustiz kann die Polizei nicht dulden. „Da hat sich viel Ärger aufgestaut. Der lügt und betrügt uns doch immer“, erklärt Halil Sentürk. Aus seinen Worten spricht Bitterkeit. Sentürk war Vorsitzender des Moschee-Vereins. Damals, in der Silvesternacht 1999/2000 randalierten Kevin und Co. in seiner Moschee. Vor Gericht gelobte G. einmal mehr Besserung und erhielt einmal mehr eine Haftstrafe auf Bewährung. Jahre später - damals drohte eine Inhaftierung - sagte Kevin G.: „Ich wünschte, ich hätte früher einen Schuss vor den Bug bekommen. Jetzt ist es zu spät.“

Liegt da etwa ein Fehler im System? Viele fragen sich: acht Vorstrafen, alle auf Bewährung? „Das ist skandalös, aber leider kein Einzelfall. Solche Täter kommen viel zu lange mit Bewährungsstrafen davon“, sagt Kriminalbeamte Albishausen. „Wenn ich das getan hätte, säße ich längst im Knast“, sagt der türkisch-stämmige Ertan.

Kevin G. hat nun angekündigt, die Stadt verlassen zu wollen: „Ich will nach Ostdeutschland.“

Quelle: RP

 
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