Moers: Die Doppelmoral eines Bush-Beraters
VON HERIBERT BRINKMANN - zuletzt aktualisiert: 05.12.2008Moers (RPO). Der Titel ist sperrig, das Thema aber hochspannend. „Ted Haggard Monologe“ des New Yorker Autors Michael Yates Crowley ist heute Abend als Deutsche Erstaufführung des Schlosstheaters in der Kapelle zu sehen. Amerikaner sind beim Namen Ted Haggard sofort im Bilde, bei uns ist die Nachricht wieder in Vergessenheit geraten. Crowleys Stück nimmt eine wahre Begebenheit auf, schreibt aber den handelnden Personen fiktive Texte auf den Leib.
Die wahre Geschichte meint den amerikanischen Pastor Ted Haggard, ehemals Vorsitzender der evangelikalischen Gemeinde (30 Millionen Mitglieder) und Berater des amerikanischen Präsidenten George W. Bush. Haggard, der wiederholt gegen die gesetzliche Zulassung der Homo-Ehe eingetreten war, musste 2006 von all seinen Ämtern zurücktreten, nachdem er von einem Callboy öffentlich geoutet wurde.
In einer von der evangelikalischen Kirche begleiteten Therapie wurde Haggard, verheiratet und Vater dreier Söhne, von seiner Homosexualität „geheilt“. In seinem Stück entwirft Crowley einen Zerrspiegel amerikanischer Moralvorstellungen und lotet die Abgründe eines moralischen Dogmatismus’ aus. In der Moerser Inszenierung setzt Bastian Tebarth ganz auf den Schauspieler Ekkehard Freye.
Verteilt auf die Monologe von neun Figuren – Familie und Kollegen – entfaltet sich die ganze absurde und abgründige Komik von Crowleys Stück. Ekkehard Freye ergründet in einem schauspielerischen Parforce-Ritt die Schizophrenie eines moralischen Rigorismus, der seine dunkle, gewaltsame Seite bereits in sich birgt.
Durch das Coming-Out stürzt der erzkonservative TV-Prediger aus seiner gewohnten Welt. Doch das Stück führt nicht die Doppelmoral des Kirchenführers vor. In den Monologen stellen sich die Menschen seines unmittelbaren Umfeldes ihren eigenen Fragen zu Sexualität, Moral, Identität und der amerikanischen Gesellschaft. In den Monologen, die ein einziger Schauspieler spricht, wird so ein weiter Spannungsbogen entfaltet. Dass das Stück in der Kapelle gespielt wird, passt – ist aber kein gewollter Gag.
Bei der Voraufführung auf dem Bielefelder Festival „Voices from Undergroundzero“ im Oktober wurde jedenfalls viel gelacht. Und der anwesende Autor Crowley, der „kein Wort verstand und doch alles verstand“, war von der Aufführung überaus angetan.
Info: Premiere, 5. Dezember, 19.30 Uhr, weitere Termine: 6. Dezember, 9. und 10. Januar, jeweils 19.30 Uhr, Kapelle, Rheinberger Straße.
- RP ONLINE
- Kontakt
- AGB
- DATENSCHUTZ
- Impressum




