Neukirchen-Vluyn: Dörrobst und Kartoffelkiste
VON VON SABINE HANNEMANN - zuletzt aktualisiert: 22.05.2010Neukirchen-Vluyn (RPO). Das Vluyner Museum lädt zur Sonderausstellung in die Welt der Konservierungsmethoden und Vorratshaltung ein. Besucher werden bis zum 18. Juli in die Zeit ohne moderne Küchengeräte versetzt.
Für die Hausfrauen bricht diese Ausstellung im Obergeschoss der Kulturhalle ohnehin eine Lanze. Gleichzeitig haben die gezeigten Gerätschaften rund ums Haltbarmachen von Lebensmitteln für das Überleben im Winter auch eine Botschaft. "Man muss sich bewusst machen, dass wir heute für den Abend einkaufen können. Vorratswirtschaft, wie noch von Generationen vor uns praktiziert, ist vielen unbekannt", meint Museumsleiterin Jutta Lubkowski. Pizza, Pommes und Co. regieren die Mahlzeiten, Haltbarmachen von saisonalen Lebensmitteln und ihre Zubereitung sind eher ins Abseits rangiert worden.
Technik des Einweckens
Die Ausstellungsstücke zeigen, wie Haushalte bis zu 20 Personen im 19./20. Jahrhundert geführt wurden. Penibel gibt ein Haushaltsbuch Auskunft darüber, welche Mengen zu verwenden sind und wie viel das Gericht kostet. Die Rezeptbücher der örtlichen Hauswirtschaftsschulen sind ein wertvoller Fundus auf Pfennig und Mark genau und verraten Tisch- und Esskultur. Gegessen wurde als Nachtisch Schwarz-Rot-Weiß, die so genannte Nationalspeise, ebenso wie Stachelbeersuppe mit Griesklößchen. Eine Zeitreise in die Küchenwelt eröffnet den Blick auf die Technik des Einweckens von Obst, Gemüse und Fleisch, die dank des Emmericher Kaufmanns Georg van Eyk und seinen praktischen Vorführungen den ländlich geprägten Niederrhein um 1900 schnell eroberte. Anders als im übrigen Deutschland. Johann Weck, der das Patent des Chemikers Rudolf Rempel übernommen hatte, zeigte sich begeistert. Apfelchips heißt es heute, früher galt Dörrobst als willkommene Gabe im Winter. Hühnereier ließen sich damals in Kalkwasser, später "mit Wasserglas", sprich Granatol, haltbar machen. Fleisch pökelte man ein, Kappes wurde für den Steinguttopf gehobelt und als Sauerkraut bis zum Frühjahr gegessen. Der Mai galt als grüner, aber hungriger Monat. Beinahe revolutionär ist die Erfindung der Blechdose um 1810. Den Inhalt als Truppenverpflegung wussten nicht nur Napoleons Soldaten zu schätzen, sondern auch Schiffsreisende. Die Dosenverschluss-Maschine, eine Leihgabe vom Winkelshof in Neukirchen, erleichterte das Konservieren von Wurst- und Fleischwaren. Erste Kühlschränke um 1900 läuteten eine neue Zeit ein und wurden pro Monat mit 300 Kilo Stangeneis bestückt, um Lebensmittel mit 15 Grad frisch zu halten. "Die damalige Hauswirtschaft mit all den Techniken um eine Vorratswirtschaft hat sehr viel Achtung verdient, denn man war, anders als heute, nicht für Single-Haushalte, sondern für große ländliche Haus- und Hofgemeinschaften verantwortlich", meint Jutta Lubkowski.
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