Moers: Ein Leben für Flüchtlinge
VON NADINE SAPOTNIK - zuletzt aktualisiert: 23.10.2010Moers (RPO). Gisela Stoldt hat sich nach 25 Jahren aus der Flüchtlingsarbeit in Moers zurückgezogen. Die 70-jährige wird demnächst mit dem Preis "Bunter Stift" für ihr Lebenswerk ausgezeichnet. Ein Porträt.
"So richtig loslassen kann man eigentlich nicht und der Kontakt bleibt ja", sagt Gisela Stoldt. Am 30. Juni dieses Jahres hat sich die gebürtige Berlinerin aus der Flüchtlingsarbeit in Moers zurückgezogen. Bevor sie 1978 nach Moers gekommen ist, lebte sie mit ihrer Familie einige Zeit im Ausland: "Dort habe ich gelernt, wie wichtig Kontakte in einem fremden Land sind." Nachdem Gisela Stoldt 1985 Presbyterin wurde, begann sie im Namen des Presbyteriums und der Kirchengemeinde Flüchtlingen in Moers zu helfen.
Libanon, Türkei, Schwarzafrika
Zu dieser Zeit stieg die Zahl der Flüchtlinge in Moers immer mehr an. Viele kamen aus dem Libanon, der Türkei, aus Schwarzafrika und später auch aus Sri Lanka und dem ehemaligen Jugoslawien nach Moers. So kam es, dass die Flüchtlingsarbeit zu umfangreich für eine ehrenamtliche Tätigkeit wurde und Gisela Stoldt 1990 von der Kirchengemeinde Asberg fest angestellt wurde. "Wir haben sehr viel Zustimmung in der Flüchtlingsarbeit erfahren und schnell viele ehrenamtliche Mitarbeiter gefunden", erzählt die 70-Jährige. Zu Beginn sind Gisela Stoldt und ihre Mitarbeiter in die Flüchtlingslager gegangen, um die Menschen dort zu betreuen. Schnell hatte sich herumgesprochen, dass es auch eine Beratungsstelle gibt, und so sind die Flüchtlinge zu ihnen gekommen.
Flüchtlingsarbeit
Das Diakonische Werk führt die Flüchtlingsarbeit in Moers weiter, auch die Awo und die Stadt Moersengagieren sich auf diesem Gebiet. Im November erhält Stoldt die Auszeichnung "Bunter Stift".
"Meine Arbeit hat sich im Laufe der Zeit gewandelt. In den ersten Jahren habe ich den Flüchtlingen bei Ihrer Ankunft eine Art erste Hilfe geleistet. Später war es mein Ziel den Einwanderern Perspektiven zu schaffen", erzählt Gisela Stoldt. 1993 wurde das Untersuchungsgefängnis in Moers zu einem Abschiebungsgefängnis, in dem es Platz für 144 Männer gab. In den ersten drei Jahren besuchte Gisela Stoldt die Abschiebungsgefangenen täglich. Die Wünsche und Sorgen der Häftlinge waren meist dieselben: Sie baten Gisela Stoldt und ihre Kollegen darum, Kontakt zu ihren Familien aufzunehmen oder ihr Hab und Gut bei Bekannten abzuholen.
Denn die meisten der Inhaftierungen erfolgten spontan. Die Einwanderer wurden durch zufällige Kontrollen an öffentlichen Plätzen, wie Bahnhöfen aufgegriffen und dann inhaftiert. So wollten die Behörden ihre Ausreise sichern. "Den Abschiebungsgefangenen war es wichtig jemanden zum Reden und Zuhören zu haben. Sprachliche Barrieren gab es dabei keine. Durch die zahlreichen Helfer gab es immer einen, der übersetzen konnte", erinnert sich Gisela Stoldt. 2005 wurde das Hafthaus geschlossen, die Zahl der Flüchtlinge ging langsam zurück und so änderte sich Gisela Stoldts Arbeit wieder. Oft empfand sie ihre Arbeit als entmutigend: "Das ganze bürokratische Denken, auf das ich während meiner Arbeit gestoßen bin, hat mich oft sehr zornig gemacht. Aber diesen Zorn konnte ich all die Jahre gut in Kraft umsetzen."
Nach 25 Jahren in der Flüchtlingsarbeit bleibt Gisela Stoldt nun mehr Zeit für ihr Privatleben: "Ich habe die Geduld meines Mannes sehr oft strapaziert. Nun werde ich mich versuchen zu bessern", sagt sie.
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