Kamp-Lintfort: Endlich fast so groß wie Sergej
VON ANJA KATZKE - zuletzt aktualisiert: 11.07.2007Kamp-Lintfort (RPO). Nach den Sommerferien am Niederrhein besucht Asja (13) in Russland die achte Klasse – wie viele ihrer Freunde, nur dass für sie etwas anders sein wird: Sie kehrt mit neuen Laufprothesen zurück, gefertigt im Vital-Centrum Hodey.
Der hellbraune Pferdeschwanz wippt fröhlich hin und her. Leise und aufgeregt tuschelt sie mit ihrem besten Freund Sergej. Er hat sie nach Kamp-Lintfort begleitet, und Asja ist froh darüber, nicht allein unter all den Erwachsenen zu sein. Musik mag sie in der Schule am liebsten, erzählt sie verlegen und ergreift einen Stift, um Figuren auf den Block zu zeichnen. Ein ganz normales Mädchen, meint man, aber nur auf dem ersten Blick: Asja kam ohne Gliedmaßen zur Welt, ohne Hände und Füße. „Dysmelie“ heißt diese Behinderung.
Die Laufprothesen, die Orthopädiemeister Peter Kamp von der Vital-Centrum Hodey AG für sie gefertigt hat, präsentiert sie den Besuchern ohne Scheu. Im Gegenteil: Sie wirkt befreit, weil ihr das Laufen überhaupt keine Probleme bereitet, vor allem aber ist sie endlich fast genauso groß wie Sergej. „Vor ein paar Tagen hat sie sogar das Treppensteigen geübt“, erzählt Ute Holloh begeistert. Sie ist Vorsitzende des Vereins „Tschernobyl-Kinder in Not“ in Dingden/Drevenack und hat Asja kennengelernt, als das Mädchen acht Monate alt war.
Asja Kujeleva
Ob Tschernobyl für das Schicksal der Kinder mit Dysmelie verantwortlich ist, ist bislang unklar.
Asja kam vor drei Wochen mit 36 Kindern aus Russland an den Niederrhein. Gemeinsam verbringen sie hier ihre Ferien. Im Gegensatz zu vielen anderen russischen Familien hat Asjas Mutter die Tochter nie versteckt, sondern dafür gesorgt, dass sie zur Schule geht. In Russland sind behinderte Kinder vom Unterricht freigestellt.
Spenden für die Prothesen
Der Verein lädt nicht nur Kinder aus Russland in den Sommerferien nach Deutschland ein. Er führt Projekte durch. Auf einem der Hilfstransporte erhielt Ute Holloh einen Zettel, auf dem Asjas Mutter, Swetlana Kujeleva, auf Deutsch um Hilfe bat: „Wir konnten nicht wegfahren, ohne das Kind gesehen zu haben“, erinnert sich die Vorsitzende. Asja lebt mit ihrer Mutter in Starodub, einem kleinen Dorf nahe der ukrainischen Grenze, und geht dort zur Schule. Das Gebiet liegt 200 Kilometer nordöstlich vom Kernkraftwerk Tschernobyl entfernt. Für Ute Holloh und ihre Mitstreiter stand nach dem Besuch bei Asja fest, dass man dem Kind helfen wolle, ein selbstbestimmtes Leben zu führen.
Um die neuen, 8500 Euro teueren Prothesen zu finanzieren, sammelte der Verein mit Unterstützung der Katholischen Arbeitnehmer Bewegung innerhalb von wenigen Monaten rund 5000 Euro. Die restlichen Kosten übernahm die Vital-Centrum Hodey AG in Kamp-Lintfort. Orthopädiemeister Peter Kamp kennt das Mädchen schon gut. Er hat vor fünf Jahren ihre ersten Prothesen gefertigt. „Es waren Fußprothesen, die direkt am Oberschenkel befestigt werden“, erzählt der Fachmann. Mit ihnen erreichte sie jedoch nur eine Größe von 1,10 Meter. Mit den neuen ist sie jetzt etwa 40 Zentimeter größer. Und sie kann weiter wachsen: Das dem menschlichen Bein nachempfundene Konstrukt aus Titan und Aluminium kann gegen ein größeres ausgetauscht werden. Zur neuen Prothese gehören auch ein künstliches Kniegelenk und Füße.
Kniegelenk mit einer Sperre
Im Kniegelenk ist eine Sperre installiert, die Asja lösen kann, wenn sie sich setzen möchte. „In ihrer Heimat sind die Wege uneben. Mit einem anderen Kniegelenk könnte sie hinfallen“, so der Orthopädiemeister von Hodey. Er zeigte sich gestern davon beeindruckt, wie schnell das muntere und fröhliche Mädchen mit den neuen Prothesen umgehen konnte: „Binnen einer halben Stunden hat sie die ersten Schritte gemacht.“ Asja ist jetzt gespannt darauf, wie ihre Freundinnen reagieren werden. Die Rückreise mit der russischen Feriengruppe, mit der sie nach Deutschland kam, ist für morgen geplant.
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