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Moers: Für einen offenen Dialog

zuletzt aktualisiert: 08.02.2010

Moers (RPO). INterview am montag mit Sait Olgun, stellvertretender Vorsitzender des Ausländerbeirates in Moers, über Erfolge und Fehlschläge der bisherigen politischen Gremienarbeit.

Sait Olgun stammt aus Gediz in der Region Kütahya. Aus dieser türkischen Bergbauregion stammen etwa 40 Prozent der Türken, die nach Deutschland kamen, um im Ruhr-Bergbau Arbeit zu finden.  Foto: RPO
Sait Olgun stammt aus Gediz in der Region Kütahya. Aus dieser türkischen Bergbauregion stammen etwa 40 Prozent der Türken, die nach Deutschland kamen, um im Ruhr-Bergbau Arbeit zu finden. Foto: RPO

Der Ausländerbeirat Moers wurde 1980 gebildet und feierte 2005 sein 25-jähriges Bestehen. Er vertrat seit fast 30 Jahren die Belange der Moerser Migranten gegenüber Politik, Verwaltung und Öffentlichkeit. Der Ausländerbeirat setzt sich für ein gleichberechtigtes Zusammenleben von Deutschen, Migranten sowie Toleranz, Akzeptanz und Respekt auf allen Ebenen des politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens ein. Gestern wurde in Moers ein neuer Integrationsrat gewählt, der den Ausländerbeirat ablöst. RP-Redakteur Heribert Brinkmann sprach mit Sait Olgun, dem stellvertretenden Vorsitzenden des Ausländerbeirates.

Info

Sait Olgun

Geboren 1969 im Landkreis Gediz in der türkischen Region Kütahya. 1974 zog er mit seinen Eltern nach Deutschland, Olgun ging in Neukirchen-Vluyn zur Schule. Der heute 40-Jährige ist verheiratet und hat zwei Kinder. Mit seiner Frau zog er 1991 nach Moers. Er arbeitet als Betriebsschlosser bei der DSK, erst in Voerde, dann in Walsum.

Herr Olgun, wenn dieses Interview erscheint, ist bereits der neue Integrationsrat gewählt – und der Ausländerbeirat dann Geschichte. Sie haben die letzte Sitzung geleitet. Müssen Sie mit dem Ende des Ausländerbeirates nicht sehr unzufrieden sein?

Olgun Ich bin sehr enttäuscht. Im Grunde genommen sind bei den letzten Sitzungen vorwiegend nur die Mitglieder der MIL, der Moerser Internationalen Liste, erschienen. Mir tat es leid, dass ein offener Dialog mit den anderen Gruppierungen nicht zustande kommen konnte. Auch wenn die Kontroversen wie früher nicht mehr so häufig waren. Es muss uns gelingen, die Migrantenselbstorganisation näher an die Öffentlichkeit anzubinden.

Wie haben Sie die Arbeit im Ausländerbeirat erlebt?

Olgun Ich bin vor fünf Jahren in den Ausländerbeirat gewählt worden. Ich habe schon bei der ersten Sitzung gemerkt, dass es Grenzen gibt. Der Ausländerbeirat war nur ein empfehlendes Gremium. Anfangs gab es auch viele Schwierigkeiten mit der Verwaltung. Da haben wir gelernt, dass der offene Dialog mit der Verwaltung und der Politik das A und O ist, ohne sie hätten wir die Einigung etwa bei den Förderrichtlinien nie hinbekommen können. Wir stehen zu einem offenen Dialog, auch mit den Fraktionen.

Im Ausländerbeirat wirkten nur Mitglieder mit, die einen türkischen Hintergrund haben. Finden Sie das in Ordnung?

Olgun Ich kenne das Wort vom "Türkenrat". Aber was sollen wir denn machen, wenn kein Interesse an Mitarbeit da ist? 50 Prozent der Migranten in Moers sind Türken. Im Ausländerbeirat sind vier Listen mit türkischem Hintergrund vertreten. Ich finde, wir haben im Ausländerbeirat keineswegs nur Probleme der Türken behandelt, es gibt querbeet Probleme, die alle Migranten betreffen, etwa die Schulbildung der Kinder. So haben wir uns für den Erhalt der Willi-Fährmann-Schule als städtischer Grundschule stark gemacht.

Was waren die größten Erfolge des Ausländerbeirates?

Olgun Unsere Migrantenselbstorganisationen engagieren sich jetzt aktiver im Stadtteil. Durch unsere Arbeit haben wir den interkulturellen und religiösen Dialog gefördert. Der Dialog funktioniert sehr gut in Repelen, in der gesamten Stadt allerdings ist er noch sehr schleppend.

War der Beiratsvorsitzende Mayadali, der sich aus gesundheitlichen Gründen zurück gezogen hat, eine Integrationsfigur?

Olgun Auf jeden Fall. Cemil Mayadali ist für uns alle ein Vorbild, das sich für die beidseitige Integration eingesetzt hat. Bei vielen Veranstaltungen war er das Zugpferd, er ist überall akzeptiert, alle haben ihn unterstützt.

Was wird sich mit dem gewählten Integrationsrat ändern?

Olgun Ich denke, er wird kein Gremium werden, das nur die Probleme von uns Migranten sehen wird. Er muss seine Rolle finden als Bindeglied zwischen Politik und Verwaltung und den Migranten. Die Ratsmitglieder werden zukünftig stimmberechtigt sein. Im neuen Integrationsrat werden 16 Migranten als Vertreter direkt gewählt und acht Ratsmitglieder bestimmt, insgesamt wird der Integrationsrat 24 Mitglieder haben. Es haben sich vier Listen und drei Einzelbewerber zur gestrigen Wahl des Integrationsrats gemeldet.

Sie treten mit der Moerser Internationalen Liste wieder an?

Olgun Ja, wir haben 15 Kandidaten aufgestellt. Wir haben in den Migrantenselbstorganisationen und mit Wurfsendungen Wahlwerbung gemacht. Übrigens sind neun unserer Kandidaten in Moers geboren. Und wir verstehen uns in erster Linie als "Moerser".

Wird die junge Generation mit Migrationshintergrund die politische Arbeit verändern?

Olgun Das müssen wir abwarten. Die erste Generation hat sich 40 Jahre lang nie eingemischt. Die kamen zum Arbeiten und wollten, dass es ihren Kindern eines Tages besser geht. Von der zweiten Generation, die bereits in Deutschland zur Schule gegangen ist und eine Berufsausbildung gemacht oder studiert hat, hätte ich mehr erwartet. Sie hat eigentlich alle Voraussetzungen, sich aktiver in die kommunale Politik einzubringen.

Welche Wünsche haben Sie gegenüber der Politik?

Olgun Im neuen Stadtrat gibt es vier Mitglieder mit Migrationshintergrund. Trotzdem werden wir im Rat kaum wahrgenommen. Ich wünsche mir, dass die Politik mehr auf die Migranten zugeht und ihren Nöten Gehör schenkt. An den Schulen müssen wir den muttersprachlichen Unterricht fördern. Beide Kulturen müssen tolerant gegenüber Kindern von Migranten sein.

Aus dem Ausländerbeirat wird ein Integrationsrat. Wie steht es um die Integration in Moers?

Olgun Ich zum Beispiel fühle mich als Moerser Bürger, mit den gleichen Rechten und Pflichten wie alle anderen auch. Leider wird man immer noch in erster Linie als Türke oder als Moslem angesehen. Nach 40 Jahren Integration müssen die die hier lebenden Migranten auch ihre eigene Kultur leben dürfen.

Quelle: RP

 
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