Moers: Kinder von der Straße geholt
VON HERIBERT BRINKMANN - zuletzt aktualisiert: 06.09.2008Moers (RPO). Die 23-jährige Moerserin Deniz Mayadali studiert in Gießen Psychologie. Jetzt reiste sie nach Ostanatolien, um in Erzurum an einem Universitätsprojekt für Straßenkinder teilzunehmen. Viele hatten verlernt, Kind zu sein.
Über dem Esstisch hängt noch das Foto von ihr im Ballettdress. Deniz Mayadali hat bis zu ihrem Abitur am Gymnasium Adolfinum Ballett gemacht, hat klassische Gitarre gespielt – und vor allem Schwimmsport getrieben. Rund 100 Medaillen und Urkunden erinnern noch an ihre Erfolge mit dem Schwimmclub Blauweiß Moers. Doch die Moerserin hat ihr Elternhaus und damit ihre Geburtsstadt schon längst verlassen. Sie studiert im neunten Semester Psychologie an der Justus-Liebig-Universität in Gießen. Dort traf sie einen Gastprofessor der Universität aus dem ostanatolischem Erzurum. Er lud die 23-jährige Studentin ein, an dem Projekt „Sokakta calisan cocuk kalmasin“ teilzunehmen.
Erzurum
Erzurum ist mit mehr als 400 000 Einwohnern die größte Stadt Ostanatoliens und Hauptstadt der Provinz Erzurum. Die Stadt liegt auf einem Hochplateau in 1950 Metern Höhe. Vor 1915 lebten sehr viele Armenier in der Stadt. Die Stadt wurde 1939 durch ein Erdbeben stark zerstört.
Hinter dieser Aufforderung „Hol die Kinder von der Straße“ steht ein Pilotprojekt, das auch von der Europäischen Union unterstützt wird. Ziel ist es, den zahlreichen Straßenkindern zu helfen. Es handelt sich um Kinder zwischen fünf und 17 Jahren, die den ganzen Tag in der Stadt herumlaufen und versuchen, Geld zu erhalten. Sie putzen Schuhe, verkaufen Kaugummi oder Taschentücher. Deniz Mayadali hat vier Wochen lang zusammen mit Studenten aus Erzurum das Projekt vor Ort begleitet. Ihr Vater Cemil Mayadali, Vorsitzender des Ausländerbeirates, war mitgefahren und hat die auch für ihn unbekannte Provinz erkundet. Dass seine Tochter helfen und sich engagieren will, habe mit der sozialen Ader der Familie zu tun. Deniz Mayadali hat das Projekt sehr beeindruckt. Insgesamt vier Betreuer, davon zwei Frauen, plus der Professor und ein Polizeibeauftragter, kümmerten sich um die 300 Kinder. Im Durchschnitt waren immer 50 bis 70 Kinder gleichzeitig da. Fast alle hatten verlernt, Kinder zu sein, sorglos zu sein und spielen zu können. Schließlich müssen sie oftmals ihre ganze Familie ernähren. Mal ist der Vater krank und kann nicht arbeiten, mal reicht das Geld für die vielen Kinder nicht aus. Deniz Mayadali hat ein Geschwisterpaar kennengelernt, das für eine neunköpfige Familie sorgen sollte. Die Kinder nehmen dabei am Tag höchstens zwei bis drei Euro ein.
Die Gruppentherapie bezog auch die Mütter ein, um ihnen die Bedürfnisse ihrer Kinder klar zu machen. Da viele Mütter nicht lesen und schreiben können, bietet das Projekt gleichzeitig auch eine kleine Alphabetisierung. Damit die Kinder nicht arbeiten müssen, wurden die Familien während des Projektes finanziell unterstützt. Deniz Mayadali fand es faszinierend, wie die Kinder Selbstbewusstsein gewannen, wie sie sich über einen geschenkten Fußball freuen konnten oder wie ein besonders aggressiver Junge Vertrauen zu ihr fasste.
Wieder zurück in Gießen steht ein Praktikum für Sorgerechtsfälle in der Gerichtspsychologie von Königstein im Taunus an. Auch ein Diplomthema hat sie schon: Kann man positive Emotionen erlernen?
- RP ONLINE
- Kontakt
- AGB
- DATENSCHUTZ
- Impressum




