Rheurdt: Lehrer rapt in den Ruhestand
zuletzt aktualisiert: 22.01.2010 - 16:51Rheurdt (RPO). Der Rheurdter Hauptschullehrer Raimund von Issem verabschiedete sicham Freitag in den Ruhestand - auf eine ganz spezielle Art und Weise. Der 65-Jährige gilt als ziemlich streng.
Ganz und gar nicht leise trat am Freitag der Hauptschullehrer Raimund von Issem (65) in den Ruhestand. Der ansonsten für seinen Ordnungssinn und die Einhaltung klarer Strukturen und Regeln bekannte und beliebte Pädagoge, überraschte die Schüler der Hauptschule Rheurdt mit einem Auftritt der besonderen Art.
Die Hose in der Kniekehle, drei T-Shirts in Größe XXL, eine quer zur Blickrichtung aufgesetzte Schirmmütze und eine goldene Kette mit einem blinkenden Mercedes-Stern um den Hals gehängt, trat von Issem unter dem tosenden Applaus seiner ebenso verdutzten wie begeisterten Schüler, zum letzten Mal die Bühne an alter Wirkungsstätte.
Jedes Fach unterrichtet
Untermalt von knarzenden Beats trug er seinen selbstgedichteten Pensions-Rap vor: „Jau, jetzt hau ich ab”, so die Einstiegszeile des Sprechgesangs. „Eine langweilige Abschiedsrede kam für mich überhaupt nicht in Frage”, sagte der rüstige Pensionär aus Oermten, der bereits seit 22 Jahren an der Hauptschule nahezu jedes Fach unterrichtet hat.
Der Pensions-Rap
AU, jetzt hau ich ab, hau in‘n Sack, will nicht weiter. Schule ist vorbei, einerlei, jetzt wird‘s heiter. 40 Jahre lang, war nie bang, war das ERROR? 40 Jahre Stress, Pubertät, Zickenterror. Klassenarbeiten, Aufsicht und Hausaufgaben, Lehrerkonferenz, Klassenfahrt, laute Blagen, will ich jetzt nicht mehr, will mich jetzt nicht mehr plagen. Technik war mein Fach, Werkraum auch du schaffst es nicht, nein, du hältst mich nicht, deinen Krach brauch ich nicht mehr. Ich geh‘ in Pension, geh davon, ihr müsst bleiben. Ihr müsst noch viel tun, ich werd nun Däumchen drehen. Morgens früh aufsteh‘n? Na mal seh‘n, ich geh chillen. Macht doch, was ihr wollt, ich tu‘s auch, nur viel schöner. Jau, jetzt hau ich ab. Ich sag „Tschö”, schönen Tag noch...
„Ich war schon immer ein bisschen anders”, verrät er schmunzelnd. Dabei hat er dennoch immer klare Vorstellungen und Linien für die pädagogische Arbeit mit den Schülern gehabt. „Ich war eigentlich an der Schule dafür bekannt, dass bei mir nicht alles erlaubt ist. Keine Mützen im Unterricht, keine Ohrstöpsel und klare Regeln”, macht von Issem deutlich, den man im Umkreis als Sohn der ehemaligen Kinobetreiber aus Geldern kennt. Die Schüler hätten es ihm gedankt. „Die Schüler sind froh, wenn ihnen jemand klare Strukturen und Regeln gibt.
Das gibt Orientierung in schwierigen Situationen”, sagt der Pädagoge, der schon oft von ehemaligen Schülern ein verspätetes Dankeschön für seine Gradlinigkeit bekommen hat. Ein besonders prominenter Schüler war auch dabei. Der heutige Bürgermeister von Issum, Gerhard Kawaters, drückte bei von Issem in der neunten Klasse, anscheinend erfolgreich, die Schulbank. Ein anderer Schüler, heute Herzchirurg, lernte bei von Issem im Technikraum die motorischen Grundlagen seines Berufs. Die Hauptschule als Schulform findet der Pensionär nicht so schlecht wie ihren Ruf.
„Sicherlich gab es Veränderungen. Aber man muss sich darüber klar sein, dass man als Lehrer an einer Hauptschule im besonderen Maße Pädagoge ist”, resümiert er seine Einstellung zu insgesamt 40 Jahren Schuldienst. Als begeisterter Technikfreak will sich von Issem die nun kommende Zeit mit der Restaurierung von antiken Möbeln vertreiben.
Die Lehrertradition im Hause von Issem wird der älteste Sohn Benni fortführen. Er tritt in den nächsten Tagen sein Referendariat am Berufskolleg an wahrscheinlich aber in anderer Dienstkleidung als die, die sein Vater Raimund kürzlich wählte.
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