Moers: Mütter werden immer älter
zuletzt aktualisiert: 02.10.2006Moers (RPO). Dr. Heinrich Mertens ist nach 25 Jahren als Chefarzt der Frauenheilkunde und Geburtshilfe am St.-Josef-Krankenhaus in den Ruhestand verabschiedet worden. Im Gespräch hält er Rückschau auf Entwicklungen in diesem Vierteljahrhundert.
Dr. Heinrich Mertens
1941 geboren in Bardenberg bei Aachen, 1961 bis 1967 Medizinstudium in Bonn und München, 1967 Staatsexamen an der Universität München, 1967 bis 1969 Medizinalassistent an der Universität München, 1970 Approbation und Promotion. 1970 bis 1974 Weiterbildung als Assistenzarzt am Kreiskrankenhaus Aachen in Würselen. 1974 Facharztanerkennung für Geburtshilfe und Gynäkologie, 1974 bis 1981 Leitender Oberarzt am Kreiskrankenhaus Aachen und an der Frauenklinik des Zentralkrankenhauses St. Jürgenstraße in Bremen, 1981 bis 2006 Chefarzt für Geburtshilfe und Gynäkologie am St. Josef-Krankenhaus Moers, 1988 bis 1991 Ärztlicher Direktor des St. Josef-Krankenhauses.
Am Samstag ist Dr. Heinrich Mertens nach 25 Jahren als Chefarzt der Frauenheilkunde und Geburtshilfe am St. Josef-Krankenhaus in den Ruhestand gegangen, am Mittwoch wurde er offiziell verabschiedet. Mit ihm sprach RP-Redakteur Heribert Brinkmann.
Herr Dr. Mertens, als Gynäkologe haben Sie seit über 30 Jahren mit Frauen zu tun. Wie hat sich denn der Gesundheitszustand der Frauen in dieser Zeit verändert? Sind sie heute gesünder oder kränker?
Mertens Kränker zum Glück nicht. Das ist vor allem ein Verdienst der Schwangerschaftsvorsorge und der Krebsvorsorge. Durch die Vorsorgeuntersuchungen sind viele Frauen davor bewahrt worden, ernsthaft zu erkranken. Leider greifen diese Untersuchungen nicht voll, denn meist gehen nur gut informierte und gut situierte Frauen regelmäßig zu den Untersuchungen. Frauen aus den sozialen Brennpunkten nehmen kaum teil, lassen die Vorsorge gerne schleifen. Frauengesundheit ist eindeutig mit den sozialen Verhältnissen gekoppelt.
Worauf sollten Frauen besonders achten?
Mertens Die Lebenserwartung der Frauen ist allgemein größer geworden. Aber die Brustkrebsrate hat in allen Altersklassen zugenommen – was zivilisatorisch mit Ernährung, Umwelt, Übergewicht und hormonellen Einflüssen zusammen hängt. Diese Zunahme gilt für alle europäischen Länder, in denen sich die Menschen überkalorisch und fettreich ernähren. In afrikanischen Ländern oder Brasilien ist das Problem Brustkrebs kleiner als in Europa und den USA.
Wie sieht es mit Gebärmutter-Problemen aus?
Mertens In den 70er Jahren wurde die Gebärmutter sehr schnell herausgenommen. Das ist heute ganz anders. Erstens hat sich das Bewusstsein der Frauen in dieser Frage gewandelt, außerdem stehen heute ganz andere operative Methoden wie Laparoskopie zur Verfügung. Drittens hat sich das Geburtsverhalten entscheidend verändert. Die Geburtenrate liegt heute bei 1,3 Kindern pro Familie. Gemessen an der Einwohnerzahl hat Deutschland die niedrigste Geburtenrate aller Industrienationen.
Hat sich denn das Alter der Schwangeren verändert?
Mertens Die gebärenden Frauen sind älter geworden. Die Zahl der Frauen, die ihr erstes Kind mit 35 Jahren und älter bekommen, nimmt zu. Das liegt daran, dass Frauen nach ihrer Ausbildung erst einmal ins Berufsleben gehen und den Kinderwunsch aufschieben. Da die Mütter älter werden, Stoffwechselstörungen und Schwangerschaftsdiabetes zunehmen, sind die Neugeborenen größer und schwerer als vor zehn Jahren. Dieses „Wonneproppen“-Risiko führt häufiger zum Kaiserschnitt. Der Wunschkaiserschnitt spielt bei uns keine große Rolle.
Was denken Sie, wenn Sie eine Geburtsszene im Fernsehen oder im Kino sehen?
Mertens Die Medien vermitteln völlig falsche Vorstellungen über die Geburt.
Sind Frauen mit Kindern gesünder als kinderlose Frauen oder umgekehrt?
Mertens Die Brustkrebsrate bei Frauen, die nicht schwanger waren und nicht gestillt haben, ist auffallend größer. Andererseits gibt es im Leben einer Frau kein größeres Gesundheitsrisiko als Schwangerschaft und Geburt.
Stellen die Wechseljahre aus medizinischer Sicht ein Problem dar?
Mertens Nein, es gibt heute bessere Möglichkeiten der Therapie. Mit Hormonen muss man allerdings (ganz) vorsichtig umgehen, weil sie unter bestimmten Bedingungen krebserregend sein können. Auffallend ist, dass sich die Wechseljahre immer mehr nach hinten schieben. Die Menopause setzt heute bei den meisten Frauen erst mit 50 bis 55 Jahren ein. Das ist ein nicht ganz erklärbares Umweltphänomen, so wie die Kinder von Generation zu Generation größer werden. Vielleicht hat es auch damit zu tun, dass die meisten Frauen und Männer viel dafür tun, länger attraktiv und sportlich zu bleiben.
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