Moers: Nicht (zu) unterscheiden
VON CHRISTIAN SCHWERDTFEGER UND CHRISTIAN SCHROEDER - zuletzt aktualisiert: 08.01.2008Moers (RPO). Stadt Moers: Jugendkriminalität steigt seit 1990 kontinuierlich, der Anteil von Ausländern daran sinkt leicht. Die Frage ist nur, wie aussagekräftig diese Datensammlung ist. Denn immer mehr „Ausländer“ haben deutschen Pass.
Sind ausländische Jugendliche und solche mit Migrationshintergrund krimineller als deutsche? Auch für Moers lässt sich diese Frage nicht eindeutig beantworten. Zum einen deshalb nicht, weil die Terminologie so diffus ist und – je nach Statistik – zwischen den Begriffen „Ausländer“, „mit Migrationshintergrund“ und „nicht-deutsch“ hin- und her springt. Zum anderen werden die Statistiken aus unterschiedlichen Quellen gespeist.
Aggressionsdelikte
Der Fachbereich Jugend und Soziales Moers bezieht die Zahlen für seine Auflistung von der Jugendgerichtshilfe (JGH). „Sie spiegeln nur einen Teil der gesamten Jugendkriminalität wider“, so Fachbereichsleiter Michael Rüddel. „Die JGH bekommt nur einen Ausschnitt aus dem Gesamtbereich der Jugendkriminalität mit der Einschränkung 14 bis 20 Jahre. Die amtliche Polizeistatistik hat möglicherweise andere Zahlen.“ Der Fachbereich wagt aufgrund der Situation in Moers und der bekannten Fallzahlen folgende Kernaussage: Es ist „kein besorgniserregender Anstieg der Jugendkriminalität bei ausländischen Jugendlichen festzustellen.“ Das sei auch bei so genannten Aggressionsdelikten der Fall, so das Ergebnis der Studie.
Bemerkungen
Der Fachbereich Jugend und Soziales erläutert die Fallzahlen wie folgt:
Begriff Ausländer bedeutet nicht gleich Ausländer. Unterschieden wird unter anderem zwischen: hier aufgewachsen, aus Bürgerkriegsgebieten stammend oder allein eingereist. Pass Da viele Ausländer einen deutschen Pass haben, wird das mögliche Merkmal Migrationshintergrund nicht in der Statistik erfasst. Stadtlage Da Moers keine typische Großsstadtlage besitzt, sind die meisten jugendlichen Straftäter hier aufgewachsen.
Aggressionsdelikte schließen unter anderem Beleidigung, Beschimpfung und Sachbeschädigung ein. Die Daten besagen zudem, dass der Anteil der ausländischen Jugendlichen an Jugendkriminalität seit 1990 leicht sinkt. Die Fallzahlen der Jugendkriminalität insgesamt in Moers sind aber seit 1990 in einer Auf- und Abbewegung von rund 400 auf etwa 750 Fälle jährlich gestiegen.
Die Polizei unterscheidet in ihrer Statistik zwischen „deutsch“ und „nicht-deutsch“. Der Jugendliche mit Migrationshintergrund zählt nur dann zu den Nicht-Deutschen, wenn er keinen deutschen Pass hat, erklärt Polizei-Pressesprecher Jürgen Müller. Entsprechend sensibel müsse man die Zahlen interpretieren. Die Kreispolizei Wesel verzeichnet in ihrer Statistik für das Jahr 2006 – für 2007 liegen erst Zahlen für die ersten drei Quartale vor – in Moers insgesamt 902 „ermittelte Tatverdächtige unter 21“. Davon sind 152 Nichtdeutsche – das sind 16,8 Prozent.
Gesellschaftliches Problem
Für Amar Azzoug vom Bunten Tisch Moers dürfe man zwischen kriminellen Jugendlichen keinen Unterschied machen. Ob ein krimineller Jugendlicher von deutscher oder ausländischer Herkunft ist, spiele seiner Meinung nach keine Rolle. „Es ist ein gesamtgesellschaftliches Problem, wenn Jugendliche kriminelle Handlungen begehen. Da darf die Nationalität keine Rolle spielen“, sagt Azzoug. „Viele gebürtige Ausländer oder Ausländer, die in Deutschland geboren sind, haben heute ja einen deutschen Pass. Da kann man dann eigentlich keine Unterscheidung mehr machen. Man muss endlich begreifen, dass wir eine Multi-Kulti-Gesellschaft sind“, erklärt Amar Azzoug.
„Es sind alles Moerser“
Ahmed Temel vom SPD-Ortsverband Moers sieht es ähnlich. Ihm zu Folge dürfe man nicht von den so genannten Ausländern sprechen. „Das wäre zu einfach und falsch“, sagt er. „Die Jugendlichen, die in Moers straffällig werden, egal ob Deutscher oder Ausländer, sind in Moers aufgewachsen – es sind in erster Linie alles Moerser.“
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