Moers: Rollende Arztpraxis für Junkies
VON CHRISTIAN SCHROEDER - zuletzt aktualisiert: 03.07.2009Moers (RPO). Seit einem Jahr fährt die Duisburger Straßenambulanz täglich Kö und Vinzenzpark an, um kostenlos Süchtige zu verarzten. Die Resonanz sei überwältigend, heißt es. Die Caritas betrachtet das niederschwellige Angebot skeptisch.
Der Arm des jungen Mannes sieht schlimm aus. Die Haut ist komplett entzündet. In die Arztpraxis würde er aber niemals gehen, "dazu fehlt mir der Antrieb", sagt der Drogensüchtige, der meistens im Vinzenzpark am Bahnhof abhängt. Ein Glück, dass seit einem Jahr täglich der rot-weiße Krankenwagen des Duisburger Vereins "Bürger für Bürger" direkt am Bahnhof und am Kö Station macht: "Wenn die Straßenambulanz schon da ist, gehe ich die paar Meter auch hin", erzählt der Abhängige.
Abszesse und Hepatitis C
Er muss keinen Ausweis vorlegen und keine Versicherungskarte. Die Besatzung der Straßenambulanz arbeitet entgeltfrei und ehrenamtlich. Da ist zum Beispiel Rolf Karling, der den Verein gegründet hat. Conni Stammen ist Krankenschwester und möchte in ihrer freien Zeit etwas Gutes für benachteiligte Menschen tun, genauso wie Fahrerin Petra Krüger. Und Dr. Gerd Heimann (69), pensionierter Arzt aus Weeze, kennt das Elend der Junkies und Obdachlosen aus dem Umfeld seiner früheren Praxis in Duisburg: Mit einem Abszess traut sich kaum ein Drogensüchtiger, der im Methadonprogramm ist, zum Arzt. Jeder Mediziner sieht, dass die Beschwerden vom "Beikonsum" stammen (zusätzlicher Konsum illegaler Drogen) und hat Angst, aus dem Programm zu fliegen.
Das Team
Zum medizinischen Team gehören neben Dr. Gerd Heimann drei weitere pensionierte Ärzte und zwei Krankenschwestern. Der Verein wird ausschließlich durch Spenden finanziert. Kontakt: Rolf Karling. Tel. 01 78 36 41 73 9.
Im Durchschnitt behandelt das Team monatlich zehn Abszesse, zehn weitere Entzündungen und Blutergüsse sowie 60 weitere "Sekundärleiden". Zudem werden monatlich etwa 400 Spritzen (kostenlos) ausgetauscht. "80 Prozent der Klienten sind mit Hepatitis C infiziert", weiß Karling.
Drei Viertel sind Männer, ein Viertel weiblich. Mit Sorge beobachtet Karling, dass die Gruppe der gebürtigen Osteuropäer zunimmt und immer stärker auch bisher unterrepräsentierte Drogen wie Ketamin und "Crystal" in Moers konsumiert werden. Rund 300 Personenkontakte zählt die Straßenambulanz monatlich in Moers. "Mit solch einer hohen Zahl haben wir vor einem Jahr, als wir anfingen, nicht gerechnet", so der Vereinsgründer, der von Anfang an den Kontakt zur Moerser Verwaltung suchte. Die Stadt stehe dem "Zusatzangebot" des Vereins grundsätzlich positiv gegenüber, auch wenn kein "riesiger Bedarf" erkennbar sei, so Pressesprecher Klaus Janczyk.
Der Geschäftsführer der Caritas, Henric Peeters, meint ebenfalls, dass eine anonyme Behandlung in einem Ort wie Moers nicht nötig sei. Alle Leistungen würde die Caritas auch anbieten. "Ich nehme jeden Wohnungslosen an die Hand und gehe mit diesem in jede Arztpraxis", sagt Peeters.
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