Moers: Unmut ist explodiert
VON HERIBERT BRINKMANN - zuletzt aktualisiert: 28.02.2011 - 11:54Moers (RPO). Der kleine Versammlungsraum des Bunten Tisches an der Kornstraße platzte aus allen Nähten. Überaus groß war das Interesse am Tunesien-Abend. Als monatlicher Themenabend schon zur Fußball-WM geplant, war der Termin immer wieder verschoben und zum Schluss von der aktuellen Entwicklung überrollt worden.
Trotzdem hätte der Termin am Freitag nicht besser gewählt sein können. Vorsitzender Amar Azzoug hatte sich dafür professionelle Hilfe geholt: Um über die aktuelle Lage in Tunesien zu sprechen und diskutieren, war der tunesische Journalist Moncef Slimi, Redakteur der Deutschen Welle fürs arabischsprachige Nordafrika-Programm, eingeladen.
Proteste gegen neue Regierung
Während sich das Interesse der Weltöffentlichkeit auf das benachbarte Libyen konzentriert, ist Tunesien von einer Normalität weit entfernt. Moncef Slimi berichtete am Freitagabend aktuell von einer Demonstration mit 50 000 Teilnehmern gegen die Übergangsregierung. Er erzählte von täglichen Sit-ins mit immer wieder wechselnden Forderungen – von Gehaltserhöhungen bis zu Rücktrittsforderungen. In den letzten Tagen sei ein katholischer Priester umgebracht worden, auch vor einer Synagoge habe es Anfeindungen gegeben. Slimi hält so etwas für Provokationen des alten Regimes, das in den Sicherheitskräften und in den Behörden noch immer fest verankert sei. Vor allem auf dem Lande sei die Vormacht der Partei RCD ungebrochen, während viele Minister der Übergangsregierung inzwischen aus der RCD ausgetreten sind. Die Partei soll aufgelöst, ihre Büros geschlossen werden.
Die Übergangsregierung habe mit vielen Schwierigkeiten zu kämpfen. Um Parteien gründen zu können, müsse erst die Verfassung geändert und dann gewählt werden. Dass über 5000 junge Tunesier nach Lampedusa geflohen seien, begründet Slimi mit der Ungeduld der Jugend. Er hält aber aufgrund der exakten Organisation ebenso ein Manöver der libyschen und italienischen Mafia für möglich, um von Berlusconis Sexskandal abzulenken. Die Touristen kennten nur ein Tunesien mit Strand und Palmen. Das zweite Tunesien sei das Land mit hoher Arbeitslosigkeit. Ayman Aloui, ein tunesisches Mitglied des Bunten Tisches, hatte eingangs davon berichtet, dass über 60 Prozent der akademisch ausgebildeten Jugend arbeitslos sei. Als die jüngsten Wikileaks-Dokumente deutlich machten, dass das Regime von Ben Ali nicht mehr unterstützt werde, habe sich der aufgestaute Frust der Jugend entladen. Im Gegensatz zu Frankreich und Italien sei Deutschland heute ein willkommener Partner für die Zukunft.
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