Rheinberg: „Bergbau weckt Ängste“ „Abbau mitbestimmen“
VON RAINER KAUSSEN - zuletzt aktualisiert: 19.09.2006Rheinberg (RPO). Keine Kohle um jeden Preis
Manches von dem, was der Bergbau den Annabergern bringt, lässt sich klar erkennen: Bauschäden beispielsweise. Erdstöße wie zuletzt die vom 1. September, die sich in den Daten der Erdbebenwarte Bensberg mit 2,0 auf der Richterskala niederschlugen.
Doch auch Erschütterungen, die nicht in den Aufzeichnungen der Forscher auftauchen, hinterlassen Spuren. Bei den Menschen, die am Annaberg leben. Allzu oft werden längst Ängste wieder geweckt, die längst überwunden geglaubt waren. Bei Gerda Kasubke beispielsweise. Als Mädchen hatte die Tapisteristin Bombenangriffe miterlebt. Da habe es ähnlich rumort wie jetzt, wenn tief in der Erde Gesteinsschichten brechen. Manchmal „klingt es wie eine Explosion“, schildert Gerda Kasubke. Und immer stelle sich das Gefühl ein „was kommt jetzt noch“. Vor allem dann, wenn nachts die Erde bebt. Dann ist an Nachtruhe nicht mehr zu denken. Ob heftiges Herzklopfen, unter dem sie seit einiger Zeit leidet, mit den Erdstößen zusammen hängt – Gerda Kasubke kann das nicht mit Sicherheit sagen. Gewiss sei allerdings, dass ihr selbst die Malerei im schön eingerichteten Hobbyatelier keine unbeschwerte Entspannung mehr gibt. Und so wie ihr, geht es vielen Bekannten, weiß Gerda Kasubke. Vor allem die älteren Annaberger leiden sehr unter dem Gefühl der Hilflosigkeit, der Ohnmacht, dem Bergbau und seinen Begleiterscheinungen ausgeliefert zu sein. Trauer, die Gerda Kasubke freilich nicht zur Resignation führte sondern zum Engagement in der Schutzgemeinschaft Bergbaubetroffener (SGB).
RHEINBERG (kau) Dass das „Bergwerk West“ kurzerhand festlegt, wo der Kohleabbau vorgezogen wird, kann nach Einschätzung von Dietmar Brockes (FDP) so nicht angehen: „Das Land wird einen Teil der Ewigkeitskosten zu tragen haben, die der Bergbau verursacht – und deshalb muss auch die Politik mitbestimmen, wo abgebaut wird.“
In diesem Ziel war Brockes, wirtschaftspolitischer Sprecher der FDP-Landtagsfraktion, gestern mit seinen Gesprächspartnern von der Schutzgemeinschaft Bergbaubetroffene (SGB) in Rheinberg einig. Wobei klar sei: Seit der Landtagswahl vor eineinhalb Jahren sei die klare Mehrheit im Landtag gegen den subventionierten Steinkohlebergbau.
Was die SGB-ler dem Gast aus Düsseldorf über die Schäden (und über die damit Kosten) berichtete, die das Bergwerk West unter dem Annaberg anrichtet, beeindruckte Brockes: Wenn jetzt im Land über das Enddatum des Kohlebergbaus gesprochen wird, dann müsse der Ruhrkohle zwingend alle wichtigen Informationen geben über Produktionszahlen, nötige Investitionen, vor allem auch über die „Ewigkeitskosten“ durch die Bergbaufolgen, unterstrich der FDP-Mann.
Auch ein Wort für die Genehmigungsbehörden fand Dietmar Brockes: Offenbar habe die Politik bislang „zu wenig darauf geachtet, was die Bergämter genehmigt haben.“ Das müsse anders werden.
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Bald nach der Landtagswahl war in der „Walsumer Verständigung“ von der neuen Parlamentsmehrheit auf der einen Seite und von der Deutschen Steinkohle auf der anderen der Weg für das Ende des Bergwerk West vereinbart worden. Gestern legten sich Bergbaukritiker aus Rheinberg daran anknüpfend für eine „Kamp-Lintforter Verständigung ins Zeug“ und fanden in Dietmar Brockes, immerhin Stellvertretender Vorsitzender des Landtagsausschusses für Wirtschaft, Mittelstand und Energie, einen aufmerksamen Zuhörer.
Kein Wunder, denn das, was die Rheinberger ansprechen, ist durch und durch vernünftig. Die Fakten: Im Land wird ernsthaft nicht mehr von einem dauerhaften „Sockelbergbau“ gesprochen, sondern nur noch über das Jahr, in dem es endgültig aus ist mit der Kohleförderung. Fakt ist auch: Die Ruhrkohle hat erkennen lassen, dass auch die Steuerzahler letztlich für die Schäden geradezustehen haben werden, die der Kohlebergbau angerichtet hat. Deshalb kann es nicht angehen, dass quasi das Ende vor Augen noch schlimmere Schäden verursacht werden, als ohnehin geplant. Vor allem vom Bergwerk West: Die Kamp-Lintforter lassen ihre Hobel mit Höchstgeschwindigkeit laufen, wollen ein Abbaufeld früher als geplant in Angriff nehmen. „Kohle machen um jeden Preis“ nennen das Bergbaukritiker. Wie anders sollte man das auch sonst bezeichnen?
Dem Vernehmen nach ist Wirtschaftsministerin Thoben – gelinde gesagt – äußerst verwundert über dieses Treiben auf dem Bergwerk West. Die Kamp-Lintforter müssen es sich selbst zuschreiben, wenn zwischen Politik und den großen Chefs nun als Notbremse das schnellstmögliche Aus für „West“ auf die Tagesordnung kommt.
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