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Rheinberg: "Unsere Geschichte erzählen"

VON RAINER KAUSSEN - zuletzt aktualisiert: 28.09.2010

Rheinberg (RPO). Historie hautnah: Lothar de Maizière, letzter Ministerpräsident der DDR, hielt am Vormittag eine Schulstunde im Amplonius-Gymnasium und sprach abends im voll besetzten Forum über den Weg zur deutschen Einheit.

Vertiefender Gedankenaustausch vor dem Vortrag: Lothar de Maizière gestern Abend im persönlichen Gespräch mit Bürgermeister Mennicken (r.) und Dieter Bartels (l.), stellvertretender Landrat.  Foto: RPO
Vertiefender Gedankenaustausch vor dem Vortrag: Lothar de Maizière gestern Abend im persönlichen Gespräch mit Bürgermeister Mennicken (r.) und Dieter Bartels (l.), stellvertretender Landrat. Foto: RPO

Geschichte hautnah erlebten Montag Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufe 13 beim Besuch von Lothar de Maizière im Amplonius-Gymnasium Rheinberg. Auf Einladung der Kulturstiftung der Sparkasse Rheinberg gestaltete der erste demokratisch gewählte und zugleich letzte Ministerpräsident der DDR dort eine Schulstunde. Sparkassen-Vorstand Franz-Josef Stiel, der zugleich Vorsitzender der Kulturstiftung ist: "Eines unserer Ziele ist es, dass sich jüngere Generationen authentisch mit Geschichte vertraut machen können."

Griffige Beispiele

Nun feiert die Deutsche Einheit in dieser Woche gerade einmal ihren 20. "Geburtstag" – gleichwohl ist sie für viele junge Menschen "fast so weit weg wie der 30-jährige Krieg", fasste Lothar de Maizière gestern seine Erfahrungen zusammen. Umso mehr liegt ihm daran, gerade bei den jungen Menschen mit griffigen Beispielen das Bewusstsein dafür zu wecken, was mit der Deutschen Einheit, was mit dem Fall der Mauer und dem Ende des SED-Staates erreicht wurde: Dass etwa alle Menschen in Deutschland die Musik hören können, für die sie sich interessieren; dass sie die Bücher lesen dürfen, für die sie sich interessieren. Denn der Alltag in der DDR habe anders ausgesehen: "Wir haben Literatur selbst vervielfältigen müssen und dann selbst im sechsten Schreibmaschinendurchschlag verteilt", schildert Lothar de Maizière.

Info

Treffen mit Zeitzeugen

Die Kulturstiftung der Sparkasse Rheinberg (das Institut ist heute ein Unternehmensbereich der Sparkasse am Niederrhein) wurde frühzeitig als zusätzliches Instrumentarium für Spenden geschaffen, das von der jährlichen Ertragslage der Sparkasse unabhängig ist.

Inzwischen wuchs das Kapital der Kulturstiftung auf eine Million Euro; die Sozialstiftung ist mit rund 500 000 Euro dotiert.

Die Liste der durch die Stiftungen geförderten Projekte ist lang und vielfältig. Der Förderung von Begegnungen mit Zeitzeugen werde große Bedeutung beigemessen, unterstrich Vorstand Franz-Josef Stiel gestern.

Neben Helmut Kohl ("Kanzler der Einheit") und Wolfgang Schäuble ("Architekt der Einheit") hat Lothar de Maizière wie kaum ein anderer Deutscher die Zeit der Wiedervereinigung gestaltet. Handelnd als "Anwalt der Einheit" und dafür sorgend, dass "die Ostdeutschen nicht unter die Räder kommen."

Persönliche Begegnungen

Morgens vor den Rheinberger Gymnasiasten und gestern Abend beim Vortrag im voll besetzten Amplonius-Forum gelang es ihm gerade auch durch die Schilderung vieler persönlicher Begegnungen, Eindrücke und Erfahrungen, ein sehr vielschichtiges Bild jener Monate zu zeichnen. Einer Zeit, in der die Ereignisse auf die Menschen in einer Dichte und Massivität einstürzten wie sonst kaum jemals zuvor. Eine Zeit, in der vieles richtig gemacht wurde und manches hätte besser gemacht werden können. Wenn man beispielsweise den Ansatz im Bundeshaushalt gelassen hätte, aus dem zuvor Schülerreisen nach Berlin finanziert wurden; mit diesem Geld hätten jungen Menschen die neuen Bundesländer näher gebracht werden können.

Denen, die diese Chance nicht hatten, stellte sich Zeitzeuge Lothar de Maizière gestern in Rheinberg zur Seite um "auch noch nach 20 Jahren die Geschichte der anderen zu erzählen". Mit einer nachdenkenswerten Definition dieser Rolle: "Zeitzeuge ist einer der sagen kann, ich war dabei. Historiker hingegen sagen ,ich war im Archiv'."

Quelle: RP

 
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