Rheinberg: Werth: "Ich allein trage die Verantwortung"
VON GIANNI COSTA - zuletzt aktualisiert: 25.06.2009 - 22:05Die fünfmalige Dressur-Olympiasiegerin Isabell Werth (39) aus Rheinberg spricht im Interview mit unserer Redaktion über Fehler bei der Medikamentengabe an ihr Pferd Whisper, den Verzicht auf die Öffnung der B-Probe, ihre drohende zweijährige Sperre, die Zusammenarbeit mit dem Tierarzt Hans Stihl und die Unterstützung durch ihre Familie.
Vor den Toren des Reiterhofs von Isabell Werth in Rheinberg warten die angereisten Reporter vergeblich auf eine Stellungnahme. Nur das einstige Goldpferd Gigolo lässt sich vom ganzen Trubel nicht stören und grast munter weiter. Im Inneren der Anlage durchlebt die Hausherrin die schlimmsten Augenblicke ihrer Karriere.
Am frühen Nachmittag hat sie in einer Telefonkonferenz mit dem Weltverband FEI darauf verzichtet, die B-Probe im Dopingfall um ihr Dressurpferd Whisper zu öffnen. Der behandelnde Tierarzt habe sich bei der Absetzung des Mittels „schlichtweg vertan”, sagt Werths Anwalt Ulf Walz dieser Zeitung. Das Pferd wurde bereits nach zwölf Tagen wieder einsatzbereit gemeldet, tatsächlich wäre aber bei dieser Form der Medikation eine Pause von rund 90 Tagen notwendig gewesen.
Frau Werth, können Sie den Moment beschreiben, als Sie vom positiven Dopingbefund bei Ihrem Pferd „Whisper” erfahren haben?
Werth: In diesem Augenblick ist eine Welt für mich zusammengebrochen. Das war ein absolutes Trauma. Ich konnte es einfach nicht glauben. Ich habe gehofft, es kommt einer, der mich kneift und von diesem Albtraum befreit.
War Ihnen sofort klar, dass Sie einen Fehler begangen haben?
Werth: Nein. Ich habe versucht, die vergangenen Wochen zu rekonstruieren. Ich hatte ein absolut reines Gewissen. Sehen Sie, ich bin fast jedes zweite Wochenende mit einem meiner Pferde bei irgendeinem Turnier in eine Dopingprobe geraten. Ich kann nur hoffen und um Verständnis bitten, dass keiner glaubt, ich würde versuchen, mir mit einem gedopten Pferd einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen. Ich erlaube mir zu sagen: Das habe ich nicht nötig.
Dennoch ist das Beruhigungsmittel Fluphenazin bei Ihrem Pferd nachgewiesen worden. Wer hat es ihm verabreicht?
Werth: Wir haben die freie Zeit zwischen zwei Wettkämpfen genutzt, um das Pferd zu behandeln. Jetzt können Kritiker sagen: ,Wie kann man so ein Pferd überhaupt reiten?‘. Ich finde das nicht problematisch. Whisper leidet an einer Zitterkrankheit, wir haben etwas Neues dagegen ausprobiert.
Es heißt, das Medikament sei hier zu Lande überhaupt nicht für Tiere zugelassen.
Werth: Meines Wissens ist es für einige Tiere zugelassen, nicht aber für Pferde. Das wusste ich aber wirklich vorher alles nicht. Um so etwas kümmere ich mich auch nicht. Ich habe schließlich keine medizinische Ausbildung, sondern bin Dressurreiterin. Das liegt im Verantwortungsbereich des Arztes. Es war ein Test, um zu sehen, ob das Pferd darauf anspricht.
Sie tragen am Ende aber die Verantwortung. Empfinden Sie das als gerecht?
Werth: Ja, ich trage alleine die Verantwortung und damit alle Konsequenzen. Das ist auch sportpolitisch völlig richtig so. Der Tierarzt ist allerdings mit daran beteiligt und dazu steht er ja auch.
Werden Sie weiter mit ihm zusammenarbeiten?
Werth: Ja, ich werde mich jetzt nicht öffentlich hinstellen und ihn an die Wand nageln. Es gebietet die Fairness und der gegenseitige Respekt, dass wir uns nicht mit Vorwürfen überhäufen. Es ist für mich ein ganz persönliches Desaster. Wir haben geglaubt, alles richtig gemacht zu haben. Das hat sich nun als Riesenfehler in der Einschätzung der Lage herausgestellt. Wenn wir nur einen Zweifel gehabt hätten, dann hätten wir uns doch erkundigt. Das ist wirklich alles unglaublich.
Was für Konsequenzen ziehen Sie aus Ihren Erkenntnissen?
Werth: Ich habe den Antrag auf Aufhebung meiner Suspendierung zurückgezogen und ich verzichte darauf, die B-Probe öffnen zu lassen. Wir wollen das Verfahren so schnell wie möglich abschließen.
Ihnen droht eine zweijährige Sperre.
Werth: Sehen Sie es mir nach, daran möchte ich nicht denken. Es geht mir nicht gut, es ging mir noch nie so schlecht. Es tut mir einfach so wahnsinnig leid. Ich kann mich nur bei allen entschuldigen, dass die Glaubwürdigkeit des Sports durch diesen Vorfall in Zweifel gezogen wird. Wenn jemand wirklich von mir glaubt, ich sei zu einem Turnier gefahren, um zu betrügen, dann kann ich es auch nicht ändern. Mir ging es um das Wohl des Pferdes.
Sie sind das Idol vieler junger Mädchen, die zu Ihnen, dem großen Star, aufblicken. Können Sie verstehen, dass für diese Jugendlichen gerade eine Welt zusammenbricht?
Werth: Ich kann mich bei den kleinen Mädchen, eigentlich bei allen Menschen da draußen nur immer und immer wieder entschuldigen. Es war nie meine Absicht, dass so etwas passiert. Es bestätigt mich aber in meinen Aussagen, dass es endlich Rechtssicherheit in diesem Bereich geben muss.
Wer steht in dieser für Sie schweren Zeit an Ihrer Seite?
Werth: Familie und Freunde. Ich bekomme auch viele aufmunternde Mails. Ich habe nie versucht, irgendein Märchen zu inszenieren. Ich stehe zu meinem Fehler, ich hätte mich erkundigen müssen. Ich hatte wirklich ein reines Gewissen.
Bundestrainer Holger Schmezer hat Kritik an Ihnen und Ihrem Tierarzt geübt. Enttäuscht über fehlende Rückendeckung vom Verband?
Werth: Klar ist das enttäuschend, es überrascht mich nicht. Im Erfolgsfall sind sie alle nah bei dir, jetzt will niemand was von dir wissen.
Wie geht es jetzt weiter?
Werth: Ich beschäftige mich zurzeit mit dem Sport nicht, ich bin suspendiert. Die Aufarbeitung des Falls wird noch eine Weile dauern.
Gianni Costa führte das Gespräch.
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