Wesel: "An einem Strang ziehen"
zuletzt aktualisiert: 24.07.2010Wesel (RPO). Caritasdirektor Michael van Meerbeck über die Qualität der Arbeit in den Pflegeheimen und dazu, was getan werden kann, damit sich die Situation für die Bewohner und die Pflegekräfte verbessert.
Nach zwei Vorfällen in Mönchengladbacher Pflegeheimen ist wieder eine Diskussion über die Qualität der Pflege ausgebrochen. NRWs neue Gesundheitsministerin Barbara Steffens denkt an verschärfte Kontrollen. Der Caritasverband Dinslaken-Wesel führt zwei Pflegeheime – das Alfred-Delp-Haus in Dinslaken und das Ludgerus-Haus in Wesel – und macht zudem ambulante Angebote. Mit Caritasdirektor Michael van Meerbeck sprach RP-Redakteur Jörg Werner über die Situation.
Ist die Qualität der Pflege so schlecht, wie es jetzt diskutiert wird?
Van Meerbeck Natürlich nicht. Es geht hier um zwei Fälle, die ich im Übrigen nicht einschätzen kann, weil ich die Hintergründe nicht kenne. Aber es ist nun einmal so, dass die Diskussionen um die Pflege immer beginnen, wenn etwas schiefgelaufen ist. Was gut läuft, ist leider häufig nicht der Rede wert. Natürlich gibt es negative Vorkommnisse, aber die weisen doch nicht daraufhin, dass es in der breiten Masse der Heime nicht stimmt. Nach meiner Einschätzung haben wir gute Einrichtungen der unterschiedlichen Träger mit hochmotiviertem Fachpersonal, denen man sich anvertrauen kann. Natürlich kann man die Pflegesituation in der ambulanten als auch in der stationären Pflege verbessern. Gerade in der Arbeit mit Menschen darf man nicht zufrieden mit dem Erreichten sein.
Mönchengladbach
Die Diskussion um die Pflege haben Fälle in zwei Mönchengladbacher Heimen ausgelöst. In einem Fall soll die Wunde einer Patientin nicht richtig versorgt worden sein. In dem anderen Fall starb einMann, kurz nachdem er wegen Flüssigkeitsmangel ins Krankenhaus eingeliefert worden war.
Sind diese negativen Fälle denn mit verstärkter Kontrolle zu verhindern?
Van Meerbeck Ich bin für Kontrolle, weil dies ein Merkmal für die Menschen ist, die sich für ein Pflegeheim entscheiden, das Beruhigung schafft, dass sie hier gut aufgehoben sind. Ich glaube allerdings nicht, dass Kontrolle das eigentliche Problem löst. Die wichtigsten Anhaltspunkte setzen unsere Bewohner und die Angehörigen. Ein offenes Haus mit guter Gesprächskultur und einer entsprechenden Beziehungsarbeit ist die beste Qualitätskontrolle. Da es um menschliche Systeme geht, müssen wir sprechen, zuhören und wenn nötig anpassen und verändern.
Was ist das eigentliche Problem?
Van Meerbeck Um das leisten zu können, was wir uns unter idealer Pflege vorstellen, bräuchten wir deutlich mehr Pflegekräfte – sowohl stationär als auch ambulant. Es geht einfach um die Frage, welchen Wert wir dem Menschen, der gepflegt werden muss und der die Pflege mit seiner Fachlichkeit umsetzt, in unserer Gesellschaft beimessen. Leider läuft es heute nach dem Muster ab, dass ein Träger wie die Caritas sich in einer Bittstellerrolle befindet, in der Rolle dessen, der mehr Geld will. Die öffentlichen Kassen versuchen, solche Ansprüche abzuwehren, die Politik muss aufs Geld achten. Dabei geht es doch gar nicht darum, dass Träger Geld für sich und ihre Belange wollen. Wenn wir mehr Personal einsetzen können, haben wir als Träger keinen finanziellen Vorteil. Alle Beteiligten müssten bei dem Thema viel mehr an einem Strang ziehen. Wir müssten ein gemeinsames Bild weiter entwickeln, wie wir Menschen die bestmögliche Pflege angedeihen lassen, und dann müssten die Heime und die ambulanten Einrichtungen so ausgestattet werden, dass sie das auch leisten können. Reine Kontrolle hilft da nicht weiter. Was ich mit vorstelle, ist eine beratende und begleitende Kontrolle, eine, die den Einrichtungen Hinweise gibt, die aber auch den Politikern deutlich macht, was von ihrer Seite getan werden muss.
Das Pflegepersonal muss sein Tun weitgehend dokumentieren. Geht da nicht viel Zeit verloren, die eigentlich besser in die Pflege investiert wäre?
Van Meerbeck Dokumentation ist nicht verzichtbar, um die Qualität der Pflege sicherzustellen. Jetzt bei der Hitze ist es zum Beispiel enorm wichtig, dass festgehalten wird, wie viel Flüssigkeit ein zu pflegender Mensch aufnimmt. Diese Information muss jeder Pflegekraft zur Verfügung stehen. Wir müssen aber auf der anderen Seite aufpassen, dass wir das richtige Maß einhalten und nicht ein ausuferndes Dokumentationswesen schaffen. Es ist vielleicht ein typisch deutsches Merkmal, im Bereich von Kontrolle und Dokumentation etwas zur Übertreibung zu neigen. Es ist immer auch eine Frage der Herangehensweise. Grundlage allen Handelns in der Pflege sollte das Vertrauen in den Menschen sein. Die weit überwiegende Zahl der Mitarbeiter in der Pflege arbeitet mit höchstem Engagement und viel Idealismus. Es gibt keinen Grund, ihnen zu misstrauen. Es geht aber weiter darum, welchen Status und welche Kompetenz wir einer Pflegekraft zumessen. Hier muss sich etwas verbessern. Ebenso müssen wir darauf achten, dass wir den Mitarbeitern ausreichend Zeit geben, Zeit für Pflege und Betreuung, aber auch für notwendige Fortbildung und Qualifikation. Pflege- und Betreuungskräfte müssen ihre Arbeit so tun können, dass sie nicht in ihrer Arbeit ausbrennen. Die Arbeitsplätze müssen so gestaltet sein, dass sich Menschen auch weiter für dieses Berufsfeld entscheiden.
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