Wesel: „Das Ziel ist die Straße“ Grenzerfahrungen
zuletzt aktualisiert: 29.12.2007Wesel (RPO). Radfahrer sind einsam, vor allem, wenn sie durch den Westen Kanadas radeln. So einsam, wie viele glauben, sind sie dann doch nicht. „Man fährt allein, aber man hat seine Leute“, erzählt Wolfgang Hofmann. Auf Campingplätzen und Jugendherbergen trifft er immer wieder auf andere Radfahrer, die ihn ein Stück weit begleiten, die vor oder hinter ihm herfahren. „Das Ziel ist die Straße“, sagt der Hünxer. „Man spricht sich morgens ab, wie weit man kommen will und dann fährt man los und trifft sich irgendwann wieder.“
48 Tage im Zelt
Nicht nur Radfahrer kreuzen Hofmanns Weg. Der Hünxer macht auch andere Bekanntschaften. Die Menschen begegnen ihm freundlich. Manche nehmen ihn auf ihrem Pick up mit, andere bieten ihm einen Schlafplatz an oder organisieren ihm ein Bett. Wieder andere geben ihm zu essen oder laden ihn auf ein Bier ein. Wolfgang Hofmann ist von der Hilfsbereitschaft überwältigt. „Ich habe nur 48 Tage im Zelt geschlafen“, erzählt er. Einmal hat er in einem still gelegten Bergwerksstollen geschlafen, einmal in einem Schuppen, auch ein Liegestuhl taucht in seinem Tagebuch als Nachtlager auf. „Den Rest der Nächte hatte ich ein Bett. 35mal bin ich eingeladen worden.“
Je weiter der 61-Jährige nach Süden vordringt, desto heißer wird es. Kalifornien empfängt ihn mit Sonnenschein und Hitze. Die Temperaturen klettern auf 40 Grad. Von dem flammenden Inferno, das hier einen Monat später ausbrechen soll, ahnt zu dem Zeitpunkt niemand etwas. Malibu, Santa Monica und Los Angeles präsentieren sich von ihrer Schokoladenseite. Hofmann schaut sich alles genau an. Die Schönen, die Reichen, die Surfer.
Am 17. September triff der Radfahrer vom Niederrhein in San Diego ein. In der Millionenstadt zweieinhalb Autostunden südlich von Los Angeles macht er Grenzerfahrungen. „Fahrradfahrer sind hier Freiwild“, erzählt er. Wer eine weitere halbe Stunde weiter südlich nach Mexico fährt, sollte das Rad besser erst gar nicht mitnehmen. In Tijuana würde es gestohlen. Garantiert. Wolfgang Hofmann fährt mit der Straßenbahn an die Grenze. Dort empfängt ihn ein Bollwerk aus Beton und Stacheldraht. Eine Berliner Mauer mitten in Amerika. Schützen soll es die Amerikaner vor illegalen Einwanderern, die hier gern „rübermachen“. Die Kriminalitätsrate in Tijuana ist hoch. Als ein älterer Herr ihn auf seine „wunderschöne Kamera“ anspricht und zu einem „guten Freund“ in ein Restaurant einlädt, gehen bei Hofmann die Warnlampen an. „Ich dachte mir, entweder bin ich gleich den Fotoapparat und mein Geld los oder ich habe das große Los gezogen.“ Der Hünxer nimmt die Einladung an. Belohnt wird er mit netten Gesprächen, schönen Geschichten, ein bis zwei Gläschen und Erinnerungsfotos von der gesamten Restaurantcrew.
Rückkehr nach Hünxe
Am 3. Oktober nimmt Wolfgang Hofmann Abschied. Von Charlotte fliegt er an die Ostküste nach Miami. Ursprünglich wollte er von hier aus noch weiter südlich in den Zipfel Floridas radeln. Das Abenteuer wird gestrichen. Die Wetterprognosen sind zu schlecht. Also geht’s in Richtung Westen und dann immer geradeaus. Am 4. Oktober landet der Globetrotter in Düsseldorf.
Wenig später ist ein überglücklicher Großvater wieder zurück in Hünxe und lässt sich von seinem zehn Monate alten Enkel Killian den vier Monate langen Radfahrer-Bart kraulen.
„Die Tour hat mich an meine Grenzen gebracht“, resümiert Hofmann. „Und sie hat alle meine Erwartungen mehr als übertroffen.“ Die 5772 Kilometer haben noch etwas mit dem Mann angestellt, der früher bei der Ruhrkohle AG Markscheider war. Hofmann hat 25 Kilogramm abgenommen. Er hatte zunächst keine Lust mehr fern zu sehen, schaute sich nicht einmal die Nachrichten an und hörte plötzlich gern WDR 4. „Ich habe noch keine richtige Beziehung aufgebaut zu all dem, was hier läuft“, sagt er anfangs nach der Rückkehr.
Die Vorbereitungen der nächsten Radtour werden etwas länger dauern. Sein Rad-Kumpel Bastian hat dem Hünxer bereits einen dicken Floh ins Ort gesetzt: Man könnte doch mal mit dem Fahrrad zum Kilimandscharo fahren und dort oben auf dem Gletscher im Sommer eine Schneeballschlacht machen. „Klingt gut“, sagt Hofmann und lächelt. Er will darüber nachdenken.
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