Wesel: „Ich bin der letzte Mohikaner“
VON FRITZ SCHUBERT - zuletzt aktualisiert: 09.11.2007Wesel (RPO). Zum Gedenken an die Pogromnacht kommt heute Ernest Kolman (81) aus England nach Wesel. Er nimmt die Last der Reise auf sich, weil ihn die Erinnerung antreibt – und die Arbeit gegen das Vergessen.
Wenn jemand 81 Jahre alt ist, sich täglich um seine kranke Frau (84) kümmern muss und trotzdem alle Hebel in Bewegung setzt, um heute von London nach Wesel zu kommen, dann muss er aus einem besonderen Holz geschnitzt sein. Ernest Kolman (Ernst Kohlmann) steckt voller Vorfreude. Wesel ist seine alte Heimatstadt. Er bezeichnet sich selbst als „noch sehr viel deutsch“, schwärmt in einem flott ausufernden Gespräch vom „guten Essen“. Von eingelegten Heringen, von Matjes, von Lebkuchen und Stollen, von einer Weihnachtsatmosphäre, wie er sie in England seit Jahrzehnten vermisst.
Am Montag im KDG zu Gast
Heute Gedenken
Die Gedenkveranstaltung zur Pogromnacht beginnt heute um 19 Uhr in der Aula der Musik- und Kunstschule (Zitadelle).
Die Lesung gestaltet Lars Helmer von der Burghofbühne.
Kolman freut sich auf alte Freunde wie Günther Faßbender und auf junge Leute, die er Montag im Konrad-Duden-Gymnasium trifft. Sie werden einen liebenswürdigen älteren Herrn kennenlernen, der im Heute lebt und sich um das Morgen sorgt, weil er das Gestern nicht vergessen kann. Das ist verbunden mit der Pogromnacht vor 69 Jahren. Der damals zwölfjährige Weseler Jude Ernst Kohlmann entkam dem Holocaust. An die Ereignisse zu erinnern, ist ihm eine „Verpflichtung“. Heute mehr denn je. Seit Walter David vor einigen Jahre in Haifa starb, ist Ernest Kolman „der letzte Mohikaner“, wie er selbst sagt. Der letzte der ehemaligen Weseler Juden, die 1988 zum Gedenken der 50. Wiederkehr der so genannten Reichskristallnacht auf Einladung der Stadt zusammenkamen. Seitdem ist Kolman immer wieder hier, um als Zeitzeuge aufzutreten und Dinge anzuschieben.
Dazu gehört die Tafel mit den Namen der im Ersten Weltkrieg für Deutschland gefallenen Weseler Juden. Noch immer treibt ein Wunsch ihn um, den er „mindestens schon drei Bürgermeistern“ angetragen hat: Ein Stiftungspreis für Menschen, die sich mit einem Gedicht, einem Aufsatz, einem Kunstwerk oder sonst einer Ausdrucksform mit dem Thema Judenverfolgung auseinandersetzen. „Das ist aus der Entfernung von London aus unmöglich zu machen“, sagt Kolman, der sich auch an den Bundespräsidenten wandte.
Horst Köhler hat ihm einen „lieben und sehr persönlichen Brief geschrieben“. Aber es dauert eben. Und Kolman wird nicht jünger. Der letzte Mohikaner sorgt sich wie die Mitstreiter vom Christlich-jüdischen Freundeskreis um Faßbender (RP berichtete), dass mit seiner Generation die Erinnerung ausstirbt. Drum müht er sich, bittet seinen Sohn Timothy (55) aus Philadelphia (USA) nach London, damit er sich um Mutter Eve kümmert. Dann kann er heute Abend hier sein, in der Aula der Musikschule bei der Gedenkfeier sitzen, von den mörderischen Zeiten im Nazi-Deutschland berichten und „trotz Diabetes etwas sündigen“.
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