Wesel: „ . . . und dann war Totenstille“
VON FRITZ SCHUBERT - zuletzt aktualisiert: 13.11.2007Wesel (RPO). Wie war das, als in Deutschland die Synagogen brannten ? Ernest Kolman gab jungen Leuten am Konrad-Duden-Gymnasium eine Geschichtsstunde mit Berichten aus erster Hand.
Die bilinguale 10 d des Konrad-Duden-Gymnasiums, die ihren Geschichtsunterricht in englischer Sprache erhält, war gut vorbereitet. Problemlos hätte sie mit Ernest Kolman gestern auf Englisch diskutieren können. Doch der aus Wesel stammende und heute in London lebende Jude sprach genauso gerne auf Deutsch zu ihnen. Der 81-Jährige nutzte die Gelegenheit seines Wesel-Besuchs zur Pogromnacht (RP berichtete), um der jungen Generation eine Geschichtsstunde mit Berichten aus erster Hand zu bieten. Sie dankten es dem Gast mit kräftigem Applaus. Und Schulleiter Dr. Heinzgerd Schott sprach gleich die Einladung an Kolman aus, doch im nächsten Jahr wiederzukommen. Wenn er es möchte und wenn er es kann.
Regelmäßig Gast
Ernest Kolman (Ernst Kohlmann) wurde am 1. Juni 1926 in Wesel geboren.
Am 18. Januar 1939 entkam er weiterer Verfolgung, weil seine Kölner Schule komplett nach England „umzog“.
Seit 1988 ist Kolman regelmäßig Gast in Wesel.
Die Rettung: „Umzug“ der Schule
„Vielleicht bereiten wir dann schon vorher einen Katalog mit Fragen an ihn vor“, sagte Dr. Schott. Denn Kolman hatte eine Stunde und 15 Minuten fast ganz allein bestritten. Etwas wenig Kommunikation also, aber für die jungen Leute hochspannend. Überaus diszipliniert hingen sie an den Lippen des Mannes, der ein eindrucksvolles Bild jener Zeit zeichnete, in der in Deutschland erst die Synagogen und dann die Verfolgten selbst brannten. Kolman berichtete, wie sich 1932 in Wesel der Wahlkampf gestaltete und sich noch niemand ernsthaft sorgte, wie das Leben für Juden unter den Nationalsozialisten mit den Jahren schlimmer wurde, wie er 1934 nach Köln kam und glücklicherweise ans jüdische Gymnasium durfte. Das war deshalb sein Glück, weil diese Schule schließlich im Januar 1939 nach England „umzog“. Das war die Rettung für den kleinen Ernst mit der Reisenummer 351 und seine Mitschüler.
Kolman, in Deutschand „dreckiger Jude“ tituliert, kam in ein England, wo er fortan als „bloody german“ wieder auf Hass stieß. Zu seiner Familie in Deutschland gab es anfangs noch normalen brieflichen Kontakt, ab Kriegsbeginn nur noch übers Rote Kreuz. „Und dann war Totenstille“, schilderte er die Zeit ab 1941. Seine Familie wurde ermordet. Er hört nichts. Nur seine Schwester entkam dem Holocaust, lebt heute 83-jährig in Chikago.
Zu Kolmans vielschichtigen Erfahrungen gehört auch die, dass eine gute Bildung das Wichtigste im Leben ist und dass man dies am besten meistert, wenn man sich selbst darum bemüht, seine Ziele zu erreichen.
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