Wesel: Chaos beim Sprachtest
VON KLAUS NIKOLEI - zuletzt aktualisiert: 15.06.2007Wesel (RPO). Lehrer, Erzieher und Ämter beklagen große Schwächen bei Sprachstandserhebung für Vierjährige: Nachdem bei „Delfin 4“ fast die Hälfte scheiterte, fiel beim „Pfiffikus-Test“ kaum noch ein Kind durch – egal, was es versteht.
Als das Schulministerium im März den Startschuss für die Sprachstandserhebung „Delfin 4“ gab, ging man in Düsseldorf davon aus, dass fast jedes vierte Kind unter vier Jahren dringenden Förderbedarf hat. Ergebnis: Die Hälfte der getesteten Kinder war „auffällig“. Nun, kurz vor Ende der zweiten Testphase unter dem Namen „Pfiffikus“ zeichnet sich ein völlig anderes Bild ab. Nur ganz wenige Kinder sollen ab August in ihren Kindergärten zusätzlichen Sprachunterricht erhalten sollen.
50 von 180 Punkten reichen schon
Schuld daran, davon ist Julia Sartingen, Konrektorin der Obrighovener Konrad-Duden-Grundschule überzeugt, ist die Auswertungsmatrix des „Pfiffikus-Tests“, bei dem die Kinder unter anderem Fantasiesätze nachsprechen mussten. „Vierjährige, die von 180 möglichen Punkten 50 erreichen, haben den Test schon bestanden, obwohl einige ganz offensichtlich Förderbedarf haben.“ Von den rund 20 Kindern, die im März in der ersten Phase auffällig geworden sind und die sie jetzt selbst getestet hat, sind lediglich zwei durchgefallen. Sartingen: „Es haben nur die nicht bestanden, die sich völlig verweigert und keinen Ton gesagt haben.“ Ähnlich die Erfahrung von Dr. Klaus Weinrich, Rektor der Katholischen Mühlenwegschule in der Feldmark. Mit 31 Jungen und Mädchen, die in zwei Jahren eingeschult werden, hat er „Pfiffikus“ gespielt. Ergebnis: „Es sind nur fünf oder sechs Kinder durchgefallen, die fast überhaupt kein Deutsch sprechen.“ Auch andere Schulleiter, mit denen er in Kontakt steht, berichten Ähnliches. „Das ist wohl vom Ministerium so gewollt.“ Konkrete Zahlen zum Sprachtest, der eigentlich abgeschlossen sein sollte, gibt es noch nicht. „Das dauert bis in den August hinein“, bedauert Schulamtsdirektorn Gisela Lücke-Deckert. Kreisweit 2100 Kinder zu testen, das sei in der Kürze der Zeit einfach nicht zu leisten. Zudem hätten zahlreiche Eltern Test-Termine nicht eingehalten. Die Schulamtsdirektorin erklärte, dass Kinder mit nachweislichem Förderbedarf mit Beginn des neuen Kindergartenjahres in den jeweiligen Einrichtungen Unterricht erhalten sollen (Info).
Was aber passiert mit Kindern, die in keiner Tagesstätte angemeldet sind? Schulterzucken bei den zuständigen Behörden. Ein großes Problem. „Wir warten erst noch auf konkrete Zahlen. Außerdem fehlen uns offizielle Richtlinien des Ministeriums zum ganzen Verfahren“, so Uwe Heinrich, Teamleiter im Weseler Jugendamt. Denkbar, dass die Sprachkurse in Familienzentren gegeben werden. „Doch klar“, sagt Heinrich, „ist nichts, alles ist noch in der Schwebe.“ (Kommentar)
340 Euro pro Kind
Vierjährige, bei denen Förderbedarf festgestellt wird, sollen ab August in Kindergärten oder Familienzentren 200 Stunden pro Jahr Sprachunterricht bekommen.
Das Land will pro Kind 340 Euro zur Verfügung stellen.
49 Prozent der knapp 570 Vierjährigen in Wesel nehmen an der zweiten Stufe des Sprachtests teil.
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