Wesel: Der Kasachstan-Deutsche
VON MICHAEL ELSING - zuletzt aktualisiert: 23.08.2007Wesel (RPO). Morgen trifft in Wesel eine sechsköpfige Delegation aus Kasachstan ein. Dr. Edward Bier, Facharzt für Chirurgie am Marien-Hospital, ist in dem zentralasiatischen Land aufgewachsen. Er weiß, unter welch schwierigen Bedingungen Mediziner dort arbeiten müssen.
Zahlen und Fakten
Kasachstan liegt in Zentralasien und ist mit 2,7 Millionen Quadratkilometern das neuntgrößte Land der Erde sowie der größte Binnenstaat der Welt. Allerdings leben nur knapp 15 Millionen Menschen in dem seit 1991 unabhängigen Land. Zum Vergleich: In Deutschland wohnen 82 Millionen Menschen auf einer etwa acht Mal so kleinen Fläche.
Bezeichnend für Kasachstan sind neben den schier unerschöpflichen Rohstoff-Vorräten die Fülle der Nationalitäten (etwa 50). 2,7 Prozent der Bevölkerung machen die Kasachstan-Deutschen aus.
Dr. Edward Bier lebt nun seit 13 Jahren in Deutschland. Aber wenn der Mediziner über das Land erzählt, in dem er den größten Teil seines Lebens verbracht hat, dann zeigt er Emotionen. Im Alter von sieben Jahren kam der 1952 in Russland geborene Dr. Bier, der heute als Facharzt für Chirurgie am Marien-Hospital in Wesel tätig ist, nach Kasachstan. Die primitiven Zustände, die in dem Dorf Pavlovka herrschten, sind für ihn unvergessen. Nach dem Abitur und dem medizinischen Studium, das er in der heutigen Hauptstadt Astana absolvierte, kam Dr. Bier nach Stepnogorsk, wo er als Assistenzarzt der Chirurgischen Abteilung und später als Oberarzt der Allgemeinchirurgie arbeitete. Was er zu dieser Zeit nicht wusste: In der 60 000 Einwohner zählenden Stadt wurden in einer als Antibiotikum-Fabrik getarnten Anlage biologische Waffen hergestellt – nur eine von vielen unfassbaren Geschichten, die Dr. Bier zu erzählen weiß.
Strom der Auswanderer
Als Kasachstan 1991 seine Unabhängigkeit erklärte, hatte dies für den 55-Jährigen negative Konsequenzen. Denn die Regierung drängte darauf, die kasachische Sprache als Amtssprache durchzusetzen. Doch Dr. Bier wollte als so genannter Kasachstan-Deutscher seine Muttersprache nicht aufgeben. Und so schloss er sich dem Strom der Auswanderer an und reiste 1994 nach Deutschland ein.
Schon zwölf Monate später kam er als Stipendiat der Otto-Benecke-Stiftung ans Marien-Hospital. Die deutsche Approbation folgte 1997. Und seitdem ist er bei Dr. Michael Küchler, Chefarzt der Gefäßchirurgie, tätig.
„Bypässe aus der Hand gerissen“
Im April diesen Jahres kehrte Dr. Edward Bier nach Kasachstan zurück. Ein privater Kontakt von Dr. Küchler machte die Reise nach Almaty, der größten Stadt Kasachstans, möglich. Die medizinischen Vorträge, die die Weseler Ärzte an der dortigen Uni-Klinik hielten, waren ein voller Erfolg.
Aber der Aufenthalt in Almaty, bei dem Dr. Bier auch als Übersetzer fungierte, machte auch deutlich, unter welch schweren Bedingungen die Mediziner dort arbeiten. „Sie haben uns Bypässe, die wir eigentlich nur als Anschauungsmaterial mitgebracht hatten, förmlich aus der Hand gerissen“, sagt Bier.
Morgen trifft nun eine sechsköpfige Delegation aus Kasachstan zum Gegenbesuch in Wesel ein. Angeführt wird sie aller Voraussicht nach vom stellvertretenden Gesundheitsminister Aikan Akanov. Außerdem werden der Generaldirektor der kasachischen Metro, Murat Ukschebajew, sowie vier Professoren der Uni-Klinik in Almaty mit von der Partie sein. Empfangen werden sie von Bürgermeisterin Ulrike Westkamp und Vertretern des Marien-Hospitals. Und dazu zählt sicherlich auch Dr. Bier.
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