Wesel/Düsseldorf: Diebe stehlen Metall tonnenweise
VON STEFAN BARTELS UND DÉSIRÉE LINDE - zuletzt aktualisiert: 18.02.2011 - 08:36Wesel/Düsseldorf (RPO). Eine neue Dimension hat der Diebstahl von Kupfer, Zinn, Zink und Aluminium erreicht. Die Täter rücken mit Lkw und Verladekränen an. Das Landeskriminalamt spricht von Bandenkriminalität, die Polizei richtet Sokos ein. Metallhändler sichern ihr Gelände oft besser als Banken.
Als die Mitarbeiter der Kiesbaggerei Holemans in Wesel in der vergangenen Woche wie üblich die Förderbänder starten wollten, ging nichts mehr. Die gesamte Anlage stand still, weil 4000 Meter Kupferkabel mit einem Gewicht von fünf Tonnen in der Nacht gestohlen worden waren. Seit November war das Weseler Unternehmen bereits dreimal Opfer von Metalldieben geworden. Der Schaden geht mittlerweile in die Hunderttausende. Was der Weseler Firma passiert ist, ist kein Einzelfall. "Wir wissen von Branchenkollegen, dass es ähnliche Fälle am gesamten linken Niederrhein gibt", sagt Betriebsleiter Thomas Derksen. Metalldiebstahl im großen Stil hat derzeit Hochkonjunktur.
Baustellenmaterial, Gullydeckel, Brückengeländer und Regenrohre lassen die Täter auf ihren Diebeszügen mitgehen. Selbst vor Friedhöfen machen sie nicht halt. Beinahe täglich verschwinden Bronzekreuze oder Grablichter von Ruhestätten in NRW. Von den Feldern der Gärtnereien werden Gießkämme gestohlen, bei Dachdeckereien Kupferrohre und Bleche. Das Landeskriminalamt (LKA) zählte 2010 insgesamt 2271 Diebstähle von Buntmetall und damit fast doppelt so viele wie im Vorjahr.
2009 waren landesweit 1144 Delikte gemeldet worden. Und die Zahlen steigen weiter: Allein im Januar wurden dem LKA schon 226 Fälle gemeldet. Die Bundespolizei, zuständig für den Schienenverkehr, verzeichnete für 2010 in NRW 269 Metalldiebstähle im Bereich von Gleisanlagen (2009: 219). Die Dunkelziffer liege vermutlich noch wesentlich höher. Der Schaden geht in die Millionen. Allein in Wesel zählte die Polizei in den vergangenen drei Monaten 35 Fälle von Metalldiebstahl. Die örtliche Polizei hat daher am Montag eine "Sonderkommission Kupfer" eingerichtet.
Ein Grund für den enormen Anstieg der Straftaten und der gestohlenen Mengen ist das Rekordniveau der Rohstoffpreise. Eine Tonne Kupfer wird an der Börse derzeit für mehr als 10 000 US-Dollar gehandelt, das ist ein Preisanstieg von mehr als 50 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Die Preise für Aluminium stiegen um mehr als 25 Prozent, die für Zinn gar um etwa 100 Prozent innerhalb eines Jahres. Vor allem die Nachfrage aus Indien und China ist hoch. Die aufstrebenden Staaten brauchen die Metalle für ihre Bauindustrie und den Ausbau des Stromnetzes. Nach Angaben des Deutschen Kupferinstituts in Düsseldorf ist der Kupferpreis jedoch nicht nur von Angebot und Nachfrage abhängig. Seit einigen Jahren hätten Investmentfonds das Halb-Edelmetall als Spekulationsobjekt entdeckt. Der Börsenkurs könne deshalb innerhalb von nur zwei bis drei Monaten extrem schwanken, sagt eine Sprecherin des Instituts.
rmittler der Polizei gehen davon aus, dass organisierte Banden hinter den Straftaten stecken. "Es steht eine gewisse Logistik dahinter", sagt LKA-Sprecher Frank Scheulen. Oft rücken die Täter mit eigenen Fahrzeugen und Verladekränen an, oder benutzen vorgefundene Gabelstapler und stehlen neben dem Metall den Lastkraftwagen zum Abtransport der Beute gleich mit. Das trifft vermutlich auch auf den Fall in Wesel zu: Betriebsleiter Thomas Derksen glaubt, dass die Diebe Spezialwerkzeuge benutzt und die Kupferkabel mit dem Lieferwagen abtransportiert haben.
Das Diebesgut wird laut LKA vermutlich über Zwischenhändler nach Osteuropa verkauft. Denn hierzulande fordert die Polizei Schrotthändler verstärkt auf, sich grundsätzlich den Namen und die Personalausweisnummer ihrer Lieferanten zu notieren und verdächtige Personen der Polizei zu melden.
Beim Verband Deutscher Metallhändler in Berlin sind das Problem und die Suche nach Lösungen längst Thema: "Selbst kleine Metallhändler haben mittlerweile hochwertige Sicherheitstechnik", sagt Geschäftsführer Ralf Schmitz. Viele Betriebe seien schon besser geschützt als Banken. Eine Wuppertaler Firma etwa, die nicht genannt werden möchte, hat ihr Gelände mit Stacheldraht umzäunt, Kameras, Bewegungsmelder und Scheinwerfer installiert. Die Kiesbaggerei Holemanns in Wesel hat ebenfalls ihr Sicherheitspersonal aufgestockt und greift zu einem weiteren ungewöhnlichen Mittel: Sie hat eine Belohnung von 10 000 Euro für Hinweise ausgesetzt, die zu den Metalldieben führen.
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