Wesel: Elf wollen Beigeordneter sein
VON THOMAS HESSE - zuletzt aktualisiert: 18.08.2010Wesel (RPO). Stellenausschreibung für die Nachfolge von Wolfgang Jung läuft noch bis Freitag. Der Rat wird seinen Nachfolger im September wählen. SPD hat Vorschlagsrecht. Wesels Steuerzahler kostet die verfrühte Wahl rund 200 000 Euro.
Wenn der Rat zu seiner September-Sitzung antritt, steht eine personelle Top-Entscheidung auf der Tagesordnung. Dann wird der neue Erste Beigeordnete – zuständig für Jugend, Schule, Sport, Stadtkultur und Soziales mit dem größten städtischen Etatbereich – und Nachfolger von SPD-Mann Wolfgang Jung gewählt. Der Posten ist mäßig begehrt. Denn bis gestern lagen erst elf Bewerbungen im Rathaus vor. Das wird nicht die endgültige Zahl sein, die Ausschreibungsfrist endet am Freitag. Sicher ist: Es wird wieder ein SPD-Parteimitglied werden, denn die Sozialdemokraten haben sich im Ampel-Bündnis mit Grünen und FDP die Besetzung der Position gesichert, die gleichzeitig die Stellvertretung der Bürgermeisterin beinhaltet.
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Völlig bedeckt hält sich Kämmerin Gabriele Klug nach dem Desaster um die geplatzte Kämmerinnen-Wahl in Köln. Beobachter wie SPD-Chef Hovest bezweifeln, ob sie den zweiten Anlauf zum Karrieresprung angesichts der Kölner Verhältnisse noch anpeilt.
Klugs Verhältnis zur Öffentlichkeit ist gestört. Die Grüne tut sich schwer mit ihrer Auskunftspflicht.
Posten und Machterhalt
Damit wird nach altem Ritual die parteipolitische Besetzung von höchsten Verwaltungsjobs fortgesetzt. Sicher ist ebenfalls: Fortgesetzt wird der typische Umgang mit Steuergeld. Denn Jung geht mit 61,5 Jahren in den Vorruhestand, möglich wäre seine Wiederwahl für 3,5 Jahre. Wesels Steuerzahler kostet das rund 200 000 Euro. Ein Widerspruch in Zeiten, in denen ein Sparappell dem anderen folgt und die Sportvereine ab 2011 35 000 Euro jährliche Gebühr in die Stadtkasse zahlen. SPD-Fraktionschef Ludger Hovest ist in Sachen Top-Personalie längst unterwegs. "Ich habe mich natürlich umgesehen", sagt er.
Ihm wird Interesse zugeschrieben, eine Person im traditionell von Sozialdemokraten besetzten Bereich Soziales zu installieren, die in der Lage ist, Bürgermeisterin Westkamp zu beerben, falls die nach ihrer noch fünfeinhalb Jahre währenden Wahlzeit Lust auf eine neue Karriere hat. Die Ausschreibung jedenfalls – "Die ist mit allen Fraktionen abgesprochen", sagt Hovest – ist so weitläufig formuliert, dass sie auf viele Interessenten zutreffen kann. Gefragt ist eine "dynamische, entscheidungsfreudige und verantwortungsbewusste Persönlichkeit, die mit Tatkraft die Entwicklung der Stadt in vertrauensvoller Zusammenarbeit mit dem Rat fortsetzt". "Fachliche Voraussetzungen und ausreichende Erfahrung" werden ebenso erwartet. Das lässt Hovests Personalentscheidung viel Spielraum – auch um seinem Kalkül Rechnung zu tragen, niemand neben ihm zu stark werden zu lassen.
Fähige Kräfte für den Top-Job lassen sich ganz nahe finden. Fachbereichsleiterin Ila Brix-Leusmann ist nicht nur anerkannte Fachfrau, sondern auch in der SPD und gilt als beruflich ambitoniert. Kürzlich hat sie sich als Beigeordnete im rot-grün regierten Trier beworben, wo sie als eine von zwei Kandidaten in der Endauswahl war. Hier scheiterte sie am Grünen-Vorschlagsrecht. Aber ihr Verhältnis zu Westkamp gilt als angespannt.
Die Opposition CDU hat sich längst positioniert. Sie wird Jungs Wiederwahl beantragen und rechnet politisch, aber optimistisch mit einer Mehrheit für ihn. Rechnerisch ist die aber nicht drin, wenn die Ampel einheitlich blinkt. Würde der Beigeordnete vom Rat bestätigt, müsste er rechtlich sein Amt fortführen. Die Argumente der CDU sind dabei – neben dem finanziellen Aspekt – nicht von der Hand zu weisen. Denn mit Jung würde viel Erfahrung das Rathaus verlassen. Das wiegt, denn mit den Fachbereichsleitern Michael Rüssel, Anne Gerlach, Frank-Peter Lellek und Sabine Krüger gehen in Kürze weitere profunde Verwaltungskenner.
Der Aderlass von viel Wissen sorgt Politik und Verwaltungschefin Ulrike Westkamp offensichtlich nicht. Obwohl Parteisoldat Jung stets dafür gut war, im Krisenfall die Kohlen aus dem Feuer zu holen – auch für seine Chefin.
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