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Wesel: "Erlebnisse, die im Körper schreien"

zuletzt aktualisiert: 30.07.2010

Wesel (RPO). Interview mit Notfallseelsorger Martin Biesemann (37) über Betreuung nach der Loveparade-Katastrophe

Martin Biesemann aus Wesel ist Theologe und Notfallseelsorger. Foto: RPO

Direkte Hilfe für Angehörige und Betroffene leisteten die Notfallseelsorger aus dem Kreisgebiet nach der Katastrophe bei der Loveparade in Duisburg. RP-Redakteurin Julia Nakötter sprach mit Martin Biesemann (37) über die Einsätze der Pfarrer und Theologen.

Wie viele Notfallseelsorger aus dem Kreis Wesel waren vor Ort?

Biesemann Sieben Pfarrer und Theologen. In diesem Fall wurden wir direkt von der Duisburger Einsatzleitung alarmiert. In Wesel habe ich die Koordination übernommen. Da ich bei der Weseler Feuerwehr als Fachberater für Seelsorge tätig bin, habe ich einen kurzen Draht zur Wehr und habe dort ein Einsatzfahrzeug mit Blaulicht bekommen. Damit konnten wir uns überhaupt einen Weg durch Duisburg bahnen.

Wo wurden die Seelsorger eingesetzt?

Biesemann Es gab Behandlungsplätze in zwei Schulen bzw. Turnhallen. Dort wurden die Leichtverletzten untergebracht. Unsere Aufgabe war es in erster Linie, Fragen zustellen, zuzuhören, da zu sein und die Betroffenen zu begleiten.

Was haben Sie dabei erlebt?

Biesemann Es waren dramatische Gespräche. Zwei Jungs saßen uns zuerst nur schweigend gegenüber. Sie wussten, dass ihre Freundin gestorben war. Das ist eine Extrembelastung für die Seele. Bei diesem Gespräch habe ich einem Seelsorger den Rücken frei gehalten. Andere Betroffene erzählten von schrecklichen Szenen und Geräuschen: tanzende Menschen auf der einen und weinende auf der anderen Seite. Das sind Erlebnisse, die in einem Körper schreien und verarbeitet werden müssen.

Wie können die Notfallseelsorger dabei helfen?

Biesemann Wir versuchen, ein Gespräch anzustoßen, machen damit die ersten Gehversuche des Verarbeitens. Wichtig ist, dass die Betroffenen spüren: Sie sind nicht allein, wir sind an ihrer Seite. Diese Erfahrung kann auch später helfen, wenn eine längerfristige Betreuung bei einem Psychotherapeuten oder Psychologen nötig ist. Die Betroffenen haben erfahren: Der Seelsorger war in Ordnung, dann kann ich mir erneut Hilfe suchen.

Einen Tag nach der Katastrophe waren Sie erneut im Einsatz.

Biesemann Ja, im Polizeipräsidium in Essen. Dort war das Lagezentrum für Notfallseelsorge. Es kamen Augenzeugen, Angehörige und Traumatisierte. Zum Teil waren die jungen Erwachsenen schockiert über den Überlebenskampf, den sie am Tunnel erlebt haben.

Haben Sie auch Einsatzkräfte betreut?

Biesemann Ich habe mit Kräften verschiedener Löschzüge der Duisburger Feuerwehr Nachsorgegespräche geführt. Dort habe ich Wut, Ohnmacht und Traurigkeit erlebt. Die Wehrleute sind zum Teil angefeindet worden. Sie wollten helfen, konnten aber nicht, weil sie für einen bestimmten Einsatz eingeteilt waren und ihren Einsatzort abarbeiten mussten.

Sind die Seelsorger weiter in die Trauerarbeit eingebunden?

Biesemann Pfarrer Joachim Wolff aus Büderich war gestern als Seelsorger am Tunnel in Duisburg. Er wird am Samstag beim Gottesdienst für die Loveparade-Opfer teilnehmen.

Quelle: RP

 
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