Hamminkeln/Wesel: Es rumort im Milchtank
VON BERNFRIED PAUS UND KLAUS NIKOLEI - zuletzt aktualisiert: 11.03.2009Hamminkeln/Wesel (RPO). Der Milchpreis befindet sich ein knappes Jahr nach Boykott im freien Fall. Noch regiert der Frust. Aber der kann schnell in Wut umschlagen, sagt BDM-Bauer Rütger Holsteg. Länger haltbare Milch gibt dem Handel mehr Macht.
Der Sturzflug des Milchpreises hält unvermindert an und scheint durch nichts aufzuhalten. 25 Cent zahle die Dr. Oetker-Molkerei (Onken) in Moers für Februar, im Januar seien's noch zwei Cent mehr gewesen. Und Rütger Holsteg aus Loikum geht fest davon aus, dass damit das Ende der Fahnenstange noch lange nicht erreicht ist. Im Norden der Republik sei die 20-Cent-Grenze bereits unterschritten. Hier bekommen Bauern nicht mal mehr die Hälfte dessen, was der Bundesverband der Milchviehhalter (BDM) als auskömmlich betrachtet und wofür auch hunderte Landwirte am Niederrhein im vergangenen Jahr in einen historischen Milch-Streik getreten sind.
ESL-Milch
ESL-Milch ("extended shelf life") ist am Zusatz "länger haltbar" erkennbar.
Sie wird für kurze Zeit deutlich höher erhitzt als Frischmilch und ist bis zu vier Wochen lang haltbar.
"Zu früh eingelenkt"
"Wir haben viel zu früh eingelenkt und die Politik an der langen Leine entlassen", analysiert der Loikumer BDM-Funktionär Holsteg inzwischen. Seine Gemütslage schwankt zwischen Frust und wachsender neuer Kampfbereitschaft. "Natürlich drückt die Erfahrung auf die Moral vieler Berufsgenossen", sagt der Herr über rund 60 Milchkühe, der allein Trost daraus schöpft, dass er nicht zu denen gehört, die in den zurückliegenden Jahren viel investiert haben und denen nun die Finanzierung die Luft zum Atmen nimmt. "Ich kenne Bauern, die in der Psychiatrie angekommen sind", so Holsteg.
Aber aus der Depression könne ganz schnell neue Wut werden, "wenn die Not noch größer wird". Holsteg ist davon überzeugt, dass den Milchbauern nichts anderes übrig bleiben werde, als fürs Überleben zu kämpfen. "Kommt es zum neuen Boykott, und einiges spricht dafür, wird die Auseinandersetzung länger und härter als beim ersten Mal", ist der Loikumer überzeugt. Und er geht davon aus, dass es dann zum EU-weiten Flächenbrand kommt: "Das Elend betrifft alle." Die Bauern aber bräuchten einen langen Atem. Denn: "Die Überschuss-Menge ist gewaltig. Die Läger sind rappelvoll."
Ein weiterer Umstand schwäche die Produzenten und stärke den Handel: die Milch werde inzwischen "aufgekocht", um sie haltbarer zu machen. Sie komme aber trotz geminderter Qualität weiter als "Frischmilch" ins Kühlregal der Supermärkte (siehe Info). "Das macht den Handel noch unabhängiger von den regionalen Märkten", so Holsteg. Weite Wege seien leichter überbrückbar und somit auch bewusst herbeigeführte Engpässe somit leichter zu umgehen. Die Zeche würden Bauern und Verbraucher zahlen. Erika Heesen, deren Familie in Wertherbruch 140 Milchkühe im Stall stehen hat, kennt Klagen von anspruchsvollen Verbrauchern, die die ESL-Milch ablehnen und lieber zu ihren Produkten (90 Cent pro Liter) greifen, die bis vor die Haustür gebracht werden. "Die Diskussion über länger haltbare Milch sorgt dafür, dass wir wieder mehr ins Gespräch kommen", ist sie überzeugt. Auch wenn für die meisten Verbraucher allein niedrige Preise zählen, so gebe es doch einige, die für "schmackhafte Milch" bereit sind, ein paar Cent mehr zu zahlen.
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