Wesel: Gedenken mit den letzten Zeitzeugen
VON MARTHA AGETHEN - zuletzt aktualisiert: 10.11.2008Wesel (RPO). Empfang im Rathaus, Gedenkgottesdienst im Willibrordi-Dom, Theaterstück und Lichtergang: So erinnerte die Stadt am Sonntag an den Brand der Synagoge und die Verfolgung der jüdischen Mitbürger. Grüße aus Chicago, Brief aus Jerusalem.
„Wer vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart.“ Mit dem Zitat von Richard von Weizsäcker begrüßte Bürgermeisterin Ulrike Westkamp am Samstag im Ratssaal vier ehemalige jüdische Mitbürger und deren Angehörige. Sie besuchen 70 Jahre nach der Pogromnacht vom 9. November 1938 die Stadt. Margrit Baermann (84) schickte Grüße aus Chicago, Abraham Frank aus Jerusalem schrieb unter anderem, es sei Ehrenpflicht der Stadt, den jüdischen Friedhof auf alle Zeit zu pflegen.
Jedes Jahr aus London
Cilly Meyberg (88) kam persönlich aus Kalifornien und gestand: „Ich bin sehr froh, dass ich noch einmal hierher gekommen bin. Gut, dass es jetzt hier Menschen gibt, die von jüdischen Leuten gut denken.“ Ernest Kolman (82) reist seit 1988 jedes Jahr aus London an. Seine Schwester, heute 84, überlebte vier KZs. Kolman wünscht sich keine historischen Betrachtungen zum Holocaust.
„Gesamtschule gegen Rassismus“
„Das war keine Idee, das waren Leute, mit Namen, die mal Bürger dieser Stadt waren, deutsche Bürger jüdischen Glaubens.“ Er erinnerte an Plünderungen und Deportation, an das Reeser „Amt zur Entjudung“ und den korrupten Weseler Nazi-Bürgermeister Otto Borgers. Doch Versöhnliches zählt für Kolman ebenso: „Wir kamen als Fremde, daraus wurden schnell Bekannte und später Freunde.
1988 habe er sich gefreut, hier ganz andere Menschen mit anderen Werten anzutreffen. Besonders auf die Jugend hofft Kolman nun, denn Zeitzeugen, die noch von den Verfolgungen auf heimischem Boden zu berichten wissen, sind rar geworden.
Seinen Herzenswunsch, eine Jugend-Stiftung, glaubte er verloren („Ich war bitter enttäuscht!“),doch rückt er laut Günter Faßbender vom Christlich-Jüdischen Freundeskreis inzwischen wieder in greifbare Nähe: Die Gesamtschule Lauerhaas will sich vor dem dortigen migrativen Hintergrund den Namen „Schule gegen Rassismus“ geben.
Stiftung der Gymnasien?
Eine Stiftung, in die auch die Gymnasien einbezogen sind, sei durchaus wahrscheinlich, sagte Faßbender. Er wertete den Orchesteraustausch der Musik- und Kusntschule (MKS) mit dem Kibbuzorchester nahe Haifa als ein Signal für das Interesse der Jugend an ihrer Geschichte. Zum Empfang schickte die MKS auch ihr Saxophonquartett. Die Besucher trugen sich ins Goldene Buch der Stadt ein.
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