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Wesel: Hitverdächtige Kirchenarien

VON MARTHA AGETHEN - zuletzt aktualisiert: 16.10.2007

Wesel (RPO). Angelika Milster im Willibrordi-Dom: Die Diva des Musicals singt auch Kirchenmusik. Die Allrounderin feierte beim Auftritt in Wesel einen Riesenerfolg. Besonderer Klang, wenn die Orgel Musical-Melodien begleitet. Dreifache Standing Ovations am Ende.

Im schwarzen Chic, mit 55 Jahren immer noch eine blendende Erscheinung und eine große Stimme: Angelika Milster wurde bei ihrem Auftritt im rappelvollen Dom gefeiert.  Foto: RPO
Im schwarzen Chic, mit 55 Jahren immer noch eine blendende Erscheinung und eine große Stimme: Angelika Milster wurde bei ihrem Auftritt im rappelvollen Dom gefeiert. Foto: RPO

Man kennt sie als Diva des Musicals, als Fernseh-Schauspielerin, eine weitere Facette jedoch ist: Angelika Milster singt seit 2002 Kirchenmusik. Am Sonntag zog das Allround-Talent, das runde 35 Jahre Bühnenerfahrung mitbringt, ein großes Publikum in den Dom und hatte Riesenerfolg mit ihrem Crossover-Programm quer durch die musikalischen Sparten. Mit dreifachen Standing Ovations huldigte das Publikum dem Superstar. Im schwarzen, schicken Ornat, mit 55 Jahren immer noch eine blendende Erscheinung, hätte Milster sich keinen besseren Platz aussuchen können als das zentrale Rund vor dem Altar, um ihre Fans in drei Kirchenschiffen um sich herum zu versammeln und die ungeteilte Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Lichteffekte taten ein Übriges.

Info

„Memory“

100 Minuten lang musste das Publikum auf jenen Titel warten, der Angelika Milsters Markenzeichen wurde: „Memory“.

Es handelt sich um das Lied der Glamour-Katze Grizabella in „Cats“, mit dem die Sängerin 1983 zur ungekrönten Königin der deutschsprachigen Musicalszene avancierte.

Sie verkündigt

Auch wenn Angelika Milster traditionelle Kirchenmusik vorträgt, bleibt sie großer Star. Mit ihrer ausgezeichneten Stimme tut sie das ganz extensiv, wirkt nicht die Spur introvertiert. Sie betet nicht – sie verkündigt. So fehlt auch jegliche ätherische Überhöhung. Selbst im Altarraum zeigt sie enorme Bühnenpräsenz und strahlt von großer Überzeugungskraft. Sie singt mit hohem Anteil an Brustresonanz ins Micro – Musicalsound eben. Doch die Wirkung ist umwerfend, plötzlich werden Kirchenarien hitlistenverdächtig. Das Publikum lauscht gebannt und reagiert mit rauschendem Beifall nach jedem Stück. Was schadet es da, dass bei Mozarts himmlischem Gebet „Ave verum“ ganz unorthodox die Phrasierung des abschließenden wunderbaren Aufgangs „In mortis examine“ in Silben aufgespaltet ist. Bei Milster klingt‘s trotzdem gut. Wohl weil man ihr die Interpretation glaubt; sie strahlt einfach vor Sicherheit, wo Klassiksänger verlegen zu Boden blicken würden. Atemberaubend sicher phrasiert Milster lange Haltetöne im Arioso „Dank sei dir Herr“. Tenorarien wie „Panis angelicus“ passen zu ihrer kraftvollen Tiefe, mystisch dunkel erklingt das „Kyrie“ des zeitgenössischen Komponisten Rustichelli aus ihrem Mund. Für Hochzeitspaare kann es keinen überzeugenderen Trauungsgesang geben, als ihr mit satter Tiefe ausgekostetes „Caro mio ben“. Geradezu eine tonale Explosion findet dagegen statt im „Agnus Dei“ von Bizet – dazu setzt Begleiter Jürgen Grimm volles Orgelwerk ein. Pures Gänsehautfeeling!

Mit „Gold von den Sternen“ aus dem Musical „Mozart“, in dem sie 2001 die Hauptrolle spielte, oder „Westside-Story“ betritt sie dann altbekannten Boden. Das deutsch gesungene „Somewhere“ wirkt auch mit Orgel – vielleicht eine Spur weniger verträumt. Mit dem bekannten „Jerusalem“, voller Freude und wunderbar spannend erzählt, gelingt ihr eine Hymne im Wortsinn. Am Ende fragt man sich, ob die imposanten Kirchenarien die Musicals nicht sogar ein wenig übertrumpften. Milsters Wandlungsfähigkeit hat an diesem Abend mehr als überzeugt.

Quelle: RP

 
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