Wesel: Hypnotiseur auf der Bühne
VON MARTHA AGETHEN - zuletzt aktualisiert: 24.04.2010Wesel (RPO). Herman van Veen und sein Programm "Im Augenblick": Unvergesslicher Abend im Bühnenhaus. Der Mann mit der Schmeichelstimme, mittlerweile 65 Jahre alt, gewinnt mit Poesie und Vielseitigkeit. Immer noch und immer wieder.
Mit dem Titel "Amsterdam" aus dem Programm "Im Augenblick" startete Herman van Veen jetzt im Bühnenhaus in einen unvergesslichen Abend. Während das Publikum noch, konzentriert schnipsend, holländischen Dauerregen tröpfeln ließ, hatte van Veen schon längst musikalisch dortige Hooligans, Drogensüchtige und Alkoholiker im Blick, wie immer auf Seiten gesellschaftlicher Außenseiter. Mit seiner nimmermüden Schmeichelstimme hypnotisierte der 65-Jährige die Gäste.
Begeisterte Gunstbeweise
Immer wieder flogen ihm im treibenden Programm, in dem kein Platz für Langeweile war, reihenweise begeisterte Gunstbeweise zu. Vornehmlich die Band punktete mit umwerfend vibrierender Musik, van Veen mittendrin an der Snare-Drum, Violine oder auf dem Kontrabass (hockend). Es hagelte Lacher bei den Slapstick-Einlagen, wenn der "Chef" als Balletttänzer gleich einem archaischen Nachtgespenst über die Bühne "schwebte", Telefon-Sex im Charlie-Chaplin-Format anbot oder Pianist van der Wurff, der ihm seit 45 Jahren die Treue hält, ein Küsschen auf die Glatze pflanzte.
Und dennoch war es zwischenzeitlich ganz still im Saal, wenn leise Töne, lyrisch-melancholische, oft makabre Texte regierten. Beim Thema Kindersterblichkeit blieb einem gar das Lachen im Halse stecken. Van Veen ist ein Meister der Spiegelfechterei, verführt mit Musik die Seele zum Genießen, um sie gleich darauf aus ihrer Selbstzufriedenheit zu zerren. Gleich einer kleinen Demütigung trifft das unvorbereitet und schutzlos. Van Veen kennt kein Tabu, er frappiert, konsterniert, schockiert – aber unterhaltsam. Bar aller Eitelkeit, ohne Schlips und Bügelfalte, das Gesicht eine Mischung von Clownerie und Sinnlichkeit, ist er immer noch der hinreißende Poet der Liebe.
Wer könnte Überirdisches und Irdisches so weich und gelassen in Einklang bringen: "Ich liebe dich, wie du sitzt, wie du schwitzt..." Seine erotischen Texte verschwiegen wenig, doch wer verstünde es, Solcherlei so zärtlich zu singen - nicht nur für die Herzdame, auch für die Oma nebenan in Not. Gänsehaut regte sich, wenn im Sieg des Gefühls der Sprechgesang zu tiefer, stimmlicher Fülle wechselte. Ein bezauberndes Schlaflied mit einem Hauch von Brüchigkeit hat er für die 68-jährige Rosa ersonnen.
Ein Menschenfreund
Was ihn nicht hinderte, Themen wie Inkontinenz und Demenz mit plastischen Vokabeln zu würzen und sich am Ende eine zerfetzte Rose, Blume der Liebe, als Clownsnase aufzustülpen. Engagiert warb der Menschenfreund nebenbei mit "Köln Ehrenfeld" für Integration, aktualisierte sein "Kyrie eleison" mit dem Thema Missbrauch, verteilte Hiebe in Richtung Klassikhimmel und Weltverbesserer. Mit Zugaben hat er noch nie gegeizt. Jubel brandete auf beim nostalgischen Ohrwurm "Ich hab ein zärtliches Gefühl".
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