Wesel: Knochenjob im Fahrradsattel
VON RALF SCHREINER - zuletzt aktualisiert: 29.12.2007Wesel (RPO). 5772 Kilometer im Sattel. „Das ist kein Urlaub, das ist ein Job“, sagt Wolfgang Hofmann. Der 61-jährige Hünxer hat ihn hinter sich. Mit dem Fahrrad fuhr er in vier Monaten von Alaska hinunter an die mexikanische Grenze. Jetzt ist er wieder zu Hause. So richtig angekommen ist er noch nicht.
Hünxe Schwarzbären beim Angeln beobachten, Adler fliegen sehen, sich über eine fette Vogelspinne wundern, den Elch grüßen, dem Stammesgesang eines indianischen Busfahrers lauschen – Wolfgang Hofmann hat viel erlebt auf seiner Tour, die er „die extremste seines Lebens“ nennt. Der Kopf schwirrt ihm noch von all den Bildern und Eindrücken, gewaltigen Naturschauspielen und Begegnungen mit fremden Menschen, von denen einige innerhalb von Tagen und Wochen zu Weggefährten und Freunden wurden.
Dann faltet Hofmann die Landkarte auf und beginnt zu erzählen. Ruhig, völlig unaufgeregt, beinahe sachlich schildert er, was ihm widerfahren ist in den 136 Tagen, in denen er mit einem Fahrrad und vier prall gefüllte Satteltaschen Nordamerika durchquerte.
136 Tage auf Achse
Wolfgang Hofmann war vom 22. Mai bis zum 4. Oktober unterwegs. 5772 Kilometer hat er allein auf dem Fahrrad zurückgelegt. Die Tagesetappen betrugen oftmals über 100 Kilometer. Spitzengeschwindigkeit: 74 Stundenkilometer.
Zwischendurch nutzte der Globetrotter Fähren, Autos, Eisen- und Straßenbahn. Nach Anchorage, dem Startpunkt der Tour in Alaska, flog er von Düsseldorf aus. Zurück in die NRW-Landeshauptstadt ging es von Miami.
Eine Tour der Extreme
Die Nordküste Alaskas musste Hofmann gleich zu Beginn seiner Tour von der Route streichen. Die Brookskette, ein bis auf 2749 Höhenmeter ansteigender Gebirgszug, der sich quer durch Alaska zieht, hatte ihren Eis-und Schneepanzer angelegt. Da war kein Durchkommen. Manfred, ein Radfahrer aus dem Raum Stuttgart, warnte den Hünxer Globetrotter rechtzeitig. Hofmann disponierte um. Statt nach Norden ging’s über Fairbanks und Haines nach Süden, zuerst über den Alaska-Highway, dann mit der Großfähre über den Maritime Highway nach Prince Ruppert, dort in den Bus, rein in die Rocky Mountains, rauf aufs Fahrrad, hoch bis auf über 3000 Meter und wieder runter nach Calgary.
Die Entfernungen sind gewaltig. Als Wolfgang Hofmann am 31. Juli Victoria am Südzipfel von Vancouver-Island in Britisch Kolumbien erreicht, hat er bereits 2506 Kilometer auf dem Tacho. Majestätische Berge und Schnee bedeckte Gletscher liegen hinter ihm, Begegnungen mit Koyoten, Waschbären, Rentieren, Schwarzbären. Grizzlys? „Ich habe keinen getroffen“, erzählt der Radfahrer. „Aber es gibt sie dort.“ Sie sind gefährlich und meist hungrig. Die Einheimischen wissen, warum sie die Touristen warnen, ihre Kinder nicht allein draußen spielen zu lassen.
Wolfgang Hofmann begegnet nicht nur faszinierenden Tieren. Er trifft auch viele freundliche Menschen. Den Makah-Indianer, zu dem er auf dem Weg nach Cape Flattery in den Bus steigt, wird er nicht vergessen. Er begrüßte Hofmann in lupenreinem Deutsch. Das hat er am Niederrhein gelernt, in Rheinberg, wo er drei Jahre als Soldat stationiert war. „Der Busfahrer fragte mich, ob er mir ein Lied vorsingen dürfe“, erzählt Hofmann. Es war ein schwermütiger Gesang, der von jungen Männern handelte, die im Kanu aufs Meer fahren, um Wale zu fangen. Erst der Walfang mache sie zu echten Männern, sagte der Makah. Erst nach diesem Abenteur dürften sie sich eine Frau suchen und heiraten.
Nach 78 Tagen „on the road“ nimmt Wolfgang Hofmann sein erstes Bad im Pazifik. Es dauert nur wenige Sekunden. Die Wassertemperatur beträgt gerademal 14 Grad. Da macht Schwimmen keinen Spaß. Dann lieber Sightseeing. Zum Beispiel mit Tante Margret, der Mutter eines Studienfreundes, die vor vielen Jahren nach Kanada ausgewandert ist. Der Hünxer besucht die alte Dame. Sie zeigt ihm den Mount St. Helen, einen aktiven Vulkan, und andere Schönheiten in der Umgebung von Battle Ground.
Weitere Highlights sind der Besuch des Flugzeugmuseum in McMinnville (Oregon), ein Fußbad im D-River (Lincoln City), dem mit 300 Metern Länge „kürzesten Fluss der Welt“, Begegnungen mit 1000 Jahre alten Baumriesen, Seeelefanten und Walen. Hofmann hält die schönsten Augenblicke mit der Digitalkamera fest. Am Ende der Reise wird er rund 15 000 Fotos geschossen haben. Die Bilder speichert er unterwegs auf Festplatte.
Der Weg nach San Diego ist weit. Die Strecke zieht sich und wird – wie schon vor drei Jahren, als Hofmann zum Nordkap hochradelte – immer wieder zur Tour de Force. Da ist es beruhigend, wenn man sich auf sein Fahrrad verlassen kann. Der „World Traveller“ von Koga-Miyata erweist sich als unverwüstlicher Bergsteiger. Selbstverständlich muss Hofmann zwischendurch auch mal absteigen und schieben. Kilometerlange Steigungen von sechs bis sieben Grad zwingen ihn aus dem Sattel.
Ein einziges Mal sorgt eine Reifenpanne für einen ungewollten Zwischenstopp. Auf dem Highway zwischen Nainamo und Victoria verliert ein vor ihm fahrender Lkw eine Kiste Nägel. Hofmann kann nicht ausweichen und rammt sich sechs Krampen in den Reifen. Eine geht durch. Der „Schwalbe Marathon Sport“ verliert Luft und muss geflickt werden.
Kleine Verluste
Weitere Verluste hat Wolfgang Hofmann nicht zu beklagen. Dass sich irgendwann seine Sandalen „auflösen“ und zwei paar Socken mit Kartoffel großen Löchern verabschieden, ist kaum der Rede wert. Den beiden grünen Handtüchern, die der Langstreckenradler zum Trocknen über eine Tanne hängt und dort vergisst, weint er keine Träne nach.
Als der 61-Jährige bemerkt, dass er in einer Jugendherberge seinen Teller vergessen hat, kehrt er um. Dass zwischen ihm und dem Teller – es handelt sich um ganz gewöhnliches Melamin-Geschirr – mittlerweile 15 Meilen liegen, tut nichts zur Sache. „Ich habe seit 23 Jahren von diesem Teller gegessen. So etwas lässt man nicht zurück.“ Wenig später steckt das gute Stück wieder in der Satteltasche.
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