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Wesel: Krankenwagen statt Hausbesuch

VON JULIA NAKÖTTER - zuletzt aktualisiert: 30.07.2010

Wesel (RPO). Hermann-Josef Gardemann leidet an Multipler Sklerose, sitzt im Rollstuhl. Jetzt muss der Büdericher per Krankentransport zum Urologen gebracht werden, weil der Facharzt die Hausbesuche eingestellt hat. Grund ist die Honorarreform. 13,59 Euro gibt's pro Patient und Quartal.

Aufwendig: Aus seiner Büdericher Wohnung (erster Stock) kommt Hermann-Josef Gardemann nur über einen Treppenlift heraus. Foto: RPO

Hermann-Josef Gardemann stützt sich auf die Arme eines Sanitäters. Aufstehen bereitet dem 58 Jahre alten Büdericher große Probleme. Seit über zehn Jahren sitzt er im Rollstuhl, die Folge einer Erkrankung des zentralen Nervensystems, genannt Multiple Sklerose (MS). Heute muss Hermann-Josef Gardemann den schwerfälligen Weg zum Urologen antreten – von Büderich bis zum Kaiserring nach Wesel. Ein eigens bestellter Krankentransporter macht's möglich. "Auf meinem Rücken wird das Problem ausgetragen", schimpft der 58-Jährige. "Ich fühle mich wie zwischen Hammer und Amboss."

Info

Das Honorarsystem

Das neue Honorarsystem für ärztliche Leistungen gibt es seit Januar 2009. Eingeführt wurde das Regelleistungsvolumen. Es ist von Arzt zu Arzt verschieden und errechnet sich aus der Zahl der im Vergleichsquartal behandelten Patienten, deren Alter und einem Fallwert, der für jede der 42 Arztgruppen einzeln festgelegt wurde. Zum 1. Juli gab nun eine Reform der Reform.

Gardemann besitzt einen Dauer-katheter, der einmal im Monat gewechselt werden muss. "Bis zuletzt kam eine Schwester der urologischen Praxis zu mir nach Hause", erzählt der Büdericher, während er mit einem Treppenlift ein Stockwerk überwindet. Nahe der Haustür schildert Hermann-Josef Gardemann das Dilemma: "Dann wurde mir mitgeteilt, dass keine Hausbesuche mehr gemacht werden können. Aus diesem Grund wartet draußen nun der Krankentransporter." Nachdem zwei Sanitäter den MS-Patienten in den Wagen gesetzt haben, startet die knapp zehn Minuten lange Fahrt.

Heimbewohner werden gefahren

Ein kurzer Gruß aus dem Krankentransporter: Knappe zehn Minuten wird die Fahrt Richtung Weseler Innenstadt dauern. Foto: RPO

"Ich fühl' mich wie eine Sache, nicht wie ein Patient", sagt Gardemann am Kaiserring angekommen. "Der Wagen parkt nun in zweiter Reihe und dann wird hier drin der Katheter ausgetauscht." Der Büdericher hat Schmerzen, die Anstrengung belastet ihn: "Der Kampf geht eindeutig auf meine Kosten."

Gemeint ist ein Streit in Folge der Honorarreform (siehe Info). Die Urologen am linken Niederrhein haben sich zusammengeschlossen, machen keine Hausbesuche mehr, verweisen an Krankenhäuser. "Wir können den Ärger der Patienten verstehen. Die Situation wird auf ihrem Rücken ausgetragen", erklärt Dr. Andreas Stammel. Derzeit erhalten Urologen 13,59 Euro pro Patient und Quartal. "Dieses Regelleistunsgvolumen geht an die wirtschaftliche Existenz. Pro Hausbesuch gibt es nicht einmal mehr fünf Euro", sagt Stammel. Auch Pflegefälle aus Weseler Altenheimen müssen derzeit zum Katheterwechsel an den Kaiserring oder in die Klinik transportiert werden.

"Gerade bei den Hausbesuchen sind Urologen gebeutelt", weiß Karin Hamacher, Sprecherin der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein. "Im Vergleich zu anderen Fachärzten absolvieren sie viele." Den Hilferuf der Ärzte nehme man ernst. Zum vierten Quartal hoffe man auf eine Verbesserung.

Druck macht derweil auch Gardemanns Krankenkasse, die Barmer GEK NRW. "Die Kassenärztliche Vereinigung muss die Versorgung sicherstellen und der Erpressung Einhalt gebieten", sagt Sprecherin Tanja Koch. Dass die Kasse nun bereit sei, einen Krankentransport von mehreren hundert Euro zu zahlen, geschiehe zum Wohl der Patienten. "Doch eine Dauerlösung ist das nicht", so Koch.

Quelle: RP

 
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