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Wesel: Kuba privat und politisch

VON GERD HEIMING - zuletzt aktualisiert: 02.01.2009

Wesel (RPO). Vor 50 Jahren brachte die kubanische Revolution Fidel Castro an die Macht. In dem Roman „Die Straße der Tugenden“ beschreibt Eva Karnofsky die Entwicklung des Landes am Beispiel einer Familie. Die Autorin war Lateinamerika-Korrespondentin und erzählt schier Unglaubliches.

Eva Karnofsky machte ihr Abitur am heutigen Andreas-Vesalius-Gymnasium. Ihr Vater Jürgen Karnofsky wohnt in Hamminkeln.   Foto: RPO
Eva Karnofsky machte ihr Abitur am heutigen Andreas-Vesalius-Gymnasium. Ihr Vater Jürgen Karnofsky wohnt in Hamminkeln. Foto: RPO

hamminkeln/wesel Chachi wird nie wieder die Stühle auf den Balkon stellen, mit ihrer Mutter im Schatten sitzen und über den Tag plaudern. Denn Chachi ist tot. Sie ist völlig unerwartet in einem Krankenhaus in Havanna gestorben. Bei der Beerdigung sagt ihre Schwester Beli über Chachi: „Die Revolution hat ihr einst das Leben geschenkt, und sie hat es ihr wieder genommen.“ Dieser Satz beschreibt das Thema des Romans „Die Straße der Tugenden“, in dem Eva Karnofsky 50 Jahre kubanische Revolution anhand einer Familienchronik schildert. Die 53-jährige Autorin, die mit ihrem kubanischen Mann José Garcia Guirado in Bad Honnef lebt, stammt aus Wesel. Sie machte ihr Abitur am heutigen Andreas-Vesalius-Gymnasium. Ihr Vater Jürgen Karnofsky wohnt in Hamminkeln. Die Journalistin berichtete von 1993 bis 2003 als Korrespondentin der Süddeutschen Zeitung aus Lateinamerika und war oft auf Kuba.

Dort gilt die Nacht von Silvester 1958 auf Neujahr 1959, als Fidel Castro und seine Anhänger den Diktator Batista vertrieben, als Siegesstunde der Revolution. In jeder Nacht, so heißt es in Karnofskys Buch, kam Chachi zur Welt. Ihr Tod veranlasst die Romanfigur Walter Hinzen, die Geschichte von vier starken Frauen aufzuzeichnen: von Hortensia und deren drei Töchter Chachi, Beli und Mari. Auf 350 Seiten kann der Leser die Geschichte der kubanischen Revolution von 1959 bis 2008 nachvollziehen.

Ihr Buch bewege sich abseits aller Schwarz-Weiß-Malerei, erklärt Eva Karnofsky. Sie wolle zeigen, dass die Revolution nicht ausschließlich gute oder schlechte Seiten habe, sondern es gleichermaßen Positives wie Negatives gebe. Anfangs, so die Autorin, habe sich die Revolution auf der „Straße der Tugenden“ bewegt, sei dann aber davon abgekommen. Die Straße mit dem ungewöhnlichen Namen, die zum Buchtitel wurde, gibt es im Zentrum von Havanna tatsächlich.

Castros Bilanz

Castro sei einst angetreten mit dem Ziel, medizinische Versorgung, ausreichende Ernährung und Bildung für alle Kubaner sicherzustellen, sagt Karnofsky. Die Bilanz sei zwiespältig: Einerseits besuche jedes Kind eine Schule, und es gebe hervorragend ausgebildete Kräfte; andererseits produziere die Planwirtschaft Armut und Mangel in einem Land, in dem drei Ernten pro Jahr eigentlich genug für alle abwerfen müssten. Als 1989 das Ende der Sowjetunion kam und Kuba vom einstigen „sozialistischen Bruder“ kein Geld mehr erhielt, habe der machtverliebte Castro die Zeichen der Zeit nicht erkannt, analysiert die Autorin. Heute habe niemand in der Welt mehr ein Interesse daran, die strategisch unbedeutende Insel zu stützen.

In ihren Roman, dessen Figuren frei erfunden sind (nur für Chachi gibt es ein lebendes Vorbild), hat Karnofsky ihre journalistischen Recherchen über Kuba einfließen lassen. Entstanden ist ein flott lesbares Buch, das viel Wissenswertes transportiert, aber nicht mit Informationen überladen ist. Die Autorin will deutlich machen, welche Auswirkungen die „große Politik“ auf den einzelnen Menschen hat. Das ist ihr überzeugend gelungen.

Zur kubanischen Lebendigkeit, die das Buch atmet, trägt die Schilderung schier unglaublicher Geschichten bei, die sich tatsächlich zugetragen haben, wie Karnofsky betont. So berichtet sie von einem toten alten Mann, in dessen Magen sich Reste von Aufnehmern fanden. Des Rätsels Lösung: Der Mann war Stammgast in einem Imbiss, der Aufnehmer einlegte und als paniertes „Fleisch“ verkaufte. Auch Würstchen, die in der Pfanne explodieren, spielen eine Rolle im Buch.

Dank an die Mutter

Eva Karnofsky hat es innerhalb von neun Monaten in einem Rutsch niedergeschrieben. Im Nachwort dankt sie ihrer Mutter, die mit ermutigenden Worten und konstruktiver Kritik viel zu dem Werk beigetragen habe. Eva Karnofsky – sie hieß wie ihre Tochter – war Konrektorin an der Weseler Grundschule auf dem Fusternberg. Sie starb plötzlich und unerwartet im April. Wenige Tage vorher hatte sie die abschließende Korrektur des Buches beendet. Die Autorin dankt auch ihrem Mann (er arbeitet als selbstständiger Software-Entwickler), der ihr viel aus seiner Kindheit und Jugend auf Kuba erzählt hat.

Dort, wo Chachi in jener Nacht zur Welt kam, als die Helden der Revolution für viele unsterblich wurden. Chachi wird nie wieder Stühle auf den Balkon stellen und über den Tag plaudern. Ihre Geschichten aber bleiben lebendig, weil Eva Karnofsky sie weitererzählt. Zur Freude und zum Gewinn des Lesers.

Quelle: RP

 
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