Wesel: Methadongabe in Gefahr
zuletzt aktualisiert: 16.06.2007Wesel (RPO). In Wesel ist Heinz-Joachim Lemm der einzige Arzt, der Drogenabhängige substituiert. „Einer ist zu wenig“, sagt der 51-Jährige. Er fordert die Politik zum Handeln auf. Das Ziel: ein Versorgungs-Netzwerk.
Der Jugendhilfeausschuss zeigte sich jüngst besorgt darüber, dass es in Wesel nur noch einen Arzt gibt, der substituiert. Es handelt sich um Heinz-Joachim Lemm, niedergelassener Anästhesist und Schmerztherapeut, der zusammen mit Martina Schlott eine Gemeinschaftspraxis im Evangelischen Krankenhaus betreibt. Er versorgt bereits seit sechs Jahren Drogenabhängige mit Methadon. Mit dem 51-Jährigen sprach RP-Redakteur Klaus Nikolei.
Warum sind Sie der einzige Arzt, der in Wesel noch Methadon verteilt?
Lemm Bislang hat meine Kollegin Martina Schlott mit mir zusammen substituiert. Sie hat sich allerdings aus diesem Bereich zurückgezogen. Zum einen, weil sie sich anderen Aufgaben vermehrt widmen muss. Aber auch, weil die Ausgabe von Methadon unsere sonstige Arbeit schwierig macht.
Entzugserscheinung
Meist werden Heroinabhängige substituiert.
Die Patienten erhalten von einem Suchtmediziner Ersatzdrogen wie Methadon, die helfen, dass die Betroffenen nicht an Entzugserscheinungen leiden.
Aber anders als bei Heroin, fehlt den Abhängigen bei der Einnahme von Methadon der Kick.
Es gibt doch sicher Vorbehalte „normaler“ Patienten vor den Drogenkranken, oder?
Lemm Das kann ich nicht bestreiten, auch wenn ich einige Patienten habe, die mir in der Sprechstunde sagen, dass sie es toll finden, dass ich den Abhängigen helfe.
Die Methadonversorgung ist klar ein Engpass. Was müsste Ihrer Meinung nach passieren, damit auch andere Ärzte Ihrem Beispiel folgen?
Lemm Seit Januar 2003 geht eine Substitution zu Lasten der gesetzlichen Krankenversicherung. Voraussetzung für Ärzte ist aber, dass sie eine suchtmedizinische Zusatzausbildung hat. Ich habe den einen oder anderen Kollegen schon versucht zur Substitution zu bewegen, was mir nicht gelungen ist. Es gibt übrigens auch die Möglichkeit, dass man als Hausarzt drei Patienten substituiert, wenn jemand wie ich als Supervisor für Fragen zur Verfügung steht.
Wie viele Patienten betreuen Sie und wie oft müssen diese Methadon nehmen?
Lemm Von den sicherlich mehr als hundert Abhängigen in Wesel kommen etwa 80 für eine Substitution in Frage. Ich darf nicht mehr als 50 behandeln, die meist täglich zu mir kommen.
Und an Wochenenden?
Lemm Da wird die Vergabe selbstverständlich fortgeführt. Und zwar dann in den Räumen des Gesundheitsamtes. Zur Zeit wird allerdings die Vergabe lediglich durch Dr. Michael Wefelnberg und unsere Praxis sichergetellt.
Was würde passieren, wenn auch Sie aufhören würden?
Lemm Dann gäbe es in Wesel jedenfalls keinen Arzt mehr, der substituiert. Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) hat einen Sicherstellungsauftrag und muss Sorge dafür tragen, dass die Versorgung funktioniert. Augenblicklich bin ich zusammen mit meinem Kollegen Dr. Wefelnberg dabei, die KV auf die Situation aufmerksam zu machen. Was mir bei der ganzen Diskussion auf örtlicher und auf Kreisebene einfach zu kurz kommt, ist, dass die Substitution dafür sorgt, dass eine Reihe von Leuten aus dem kriminellen Netz herausfinden. Viele Politiker schauen nur auf die Kosten. Dabei muss man sehen, dass unsere Arbeit hilft, Folgekosten zu vermeiden. Zum Beispiel für die Behandlung von HIV-Kranken. Weil durch das Methadonprogramm auch die Beschaffungskriminalität zurückgeht, entlasten wir Justiz und Strafvollzug.
Was wäre Ihr Wunsch für die Zukunft
Lemm Ich würde mir ein Netzwerk der Versogung wünschen. In einem solchen sollten sich Hausärzte, ausreichend Suchtmediziner, Krankenhäuser, und Drogenberatungsstellen, die Jugendbehörden im Kreis, die Arbeitsagentur und das Kreisgesundheitsamt der Versorgung dieser Patieten widmen.
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