Kreis Wesel: Milchbauern schäumen über
VON FRITZ SCHUBERT - zuletzt aktualisiert: 10.04.2008Kreis Wesel (RPO). Stimmung fast auf dem Nullpunkt: Bundesverband Deutscher Milchviehhalter macht für einen Lieferboykott im Sommer mobil. Erzeuger sicher, dass Verbraucher die Forderung nach fairem Preis akzeptieren.
Die Milch macht’s. Aber was ist, wenn keiner mehr Milch macht ? Der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM) ist wild entschlossen, das auszuprobieren. Bei den Mitgliedern im Kreis Wesel ist die Stimmung noch nicht ganz, aber fast auf dem Nullpunkt. Gut 60 trafen sich am Dienstagabend in der Weseler Niederrheinhalle. Johannes Paaßen (Alpen-Veen) und Karl-Josef Vermöhlen (Sonsbeck-Hamb) vom Vorstand, dem noch Gregor Holland (Sonsbeck), Rütger Holsteg (Hamminkeln) und Wilhelm Meyboom (Wesel-Bislich) angehören, informierten über den Stand den Dinge bei den Preisverhandlungen. Und über die Vorbereitungen zu einer noch nie dagewesenen Aktion: den Lieferboykott.
Heute geht’s weiter
Der BDM im Kreis Kleve hat nach einer Infoveranstaltung gestern in Rees heute ein Treffen auf der linken Rheinseite organisiert.
Milchviehhalter sind eingeladen, um 20 Uhr in das Lokal Jan an de Fähr in Weeze zu kommen.
Flexible Mengensteuerung
Bei einigen ist die Wut schon so groß, dass die Milch überschäumt und sie lieber heute als morgen in einen Streik treten würden. Andere sind wirtschaftlich noch nicht so weit unter Druck, haben auf ihren Höfen aktuell wichtige Arbeiten vor der Brust. Aber das wird sich ändern, wenn im Sommer die Rechnungen kommen, ist Karl-Josef Vermöhlen überzeugt. Geradezu leidenschaftlich wirbt er dafür, jetzt schon den Boden zu bereiten, um im Sommer zu einem bestimmten Zeitpunkt flächendeckend die Aktion zu starten.
Hintergrund ist einerseits der Milchpreis: Mit Erlösen um 25 Cent je Liter, wie sie derzeit schon in Norddeutschland Realität seien, könne bei Produktionskosten um 50 Cent keiner überleben, sagt der BDM. Andererseits will er den Boykott nutzen, mit einer flexiblen Milchmengensteuerung das derzeitige System komplett zu drehen. Ziel: mehr Macht für die Erzeuger, die sich weniger von Molkereien und Handel unter Druck gesetzt sehen, als vielmehr von global agierenden Konzernen wie Danone oder Nestlé. In Billigländern gibt es bereits Anlagen mit mehreren zehntausend Stück Milchvieh. Vermöhlen: „Wir müssen der Molkerei sagen, was wir haben müssen. Die sagt uns dann, wie viel Milch der Markt zu dem Preis verträgt, und entsprechend regelt sich die Menge.“
Vermöhlen und Paaßen sind sicher, dass die Forderungen der Milchbauern in der Bevölkerung auf Verständnis stoßen. Deshalb wolle der BDM mit positiv besetzter Öffentlichkeitsarbeit in den Kampf ziehen. Ähnlich machte Elmar Hannen vom benachbarten BDM im Kreis Kleve darauf aufmerksam, „Solidarität“ zu betonen. Milchbauern, die nicht dem BDM angehören, sollen nicht ausgeschlossen, sondern vielmehr zum Mitmachen bewegt werden.
Am Ende gingen die Milchbauern mit dem gegenseitigen Appell auseinander, dass jeder weitere Kollegen ansprechen soll, um die Basis für den Lieferboykott zu verstärken. Kurz: Das Treffen in Wesel war erst ein Anfang.
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